Diego und George (Teil II) | Verlag Die Werkstatt Direkt zum Inhalt
blog vom 02.12.2020

Diego und George (Teil II)

von Dietrich Schulze-Marmeling

Im zweiten Teil geht es um die Frage, wie zeitgemäß das Spiel von Maradona und Best ist. Gibt es im aktuellen Fußball einen Platz für diese beiden Genies? Und: Von welcher Relevanz ist das Spiel von Best und Maradona für den heutigen Fußball?

2005 gab George Best der Zeitung „Daily Mail“ eines seiner letzten Interviews. Es geriet zu einer Abrechnung mit dem damaligen Fußball. Für Best gab es in der Premier League nicht einen einzigen Spieler, für den er ins Stadion gehen und Eintritt bezahlen würde. „Vielleicht noch für Thierry Henry, ein fabelhafter Stürmer mit Tempo und Kraft, aber ein großer Entertainer benötigt auch Charisma. Hat er Charisma? Nein.“ Die meisten Spieler würden nicht so ausschauen, als hätten sie Spaß auf dem Rasen. „Sogar, wenn sie ein Tor schießen, sehen sie nicht glücklich aus. Oder sie jubeln in dieser blöden, choreografierten Weise. Wenn wir ein Tor schossen, und wir schossen einige, hast du deine Arme hochgerissen. Weil du deinen Job, für den man dich bezahlte, erfolgreich erledigt hattest. Und anschließend versuchte man, weitere Tore zu schießen.“

George Best
"George Best
Der ungezähmte Fußabller"

Vorstände, Mannschaften und Spieler hätten zu viel Angst zu verlieren. „Zu Beginn der Saison schauen 16 Teams in der Top-Liga, wen sie im Abstiegskampf hinter sich lassen können. Die Angst beginnt in den Vorständen, wird hinuntergegeben zu den Managern und von diesen zu den Spielern. Die Fans registrieren dies. Aber warum sollen sie gutes Geld bezahlen, wenn sie dann nur ein ängstliches Team sehen? Ihre Teams haben keine Chance, irgendetwas zu gewinnen. Sie sorgen sich nur darum, drin zu bleiben. Das produziert negativen Fußball. Überall herrscht Angst.“ Die Panik vor dem Abstieg sei eine Folge der riesigen finanziellen Kluft zwischen der Premier League und den Profiligen unterhalb dieser. Die Manager ließen viel zu defensiv spielen. „Warum sollen die Leute 50 Pfund Eintritt bezahlen, wenn sie dann zwei Teams sehen, die beide nur mit einem Stürmer spielen? Da sind 22 Leute auf dem Platz, aber nur zwei von ihnen sind Stürmer. Das ist verrückt. Die Manager haben die Verantwortung, angriffsfreudige Teams ins Spiel zu schicken und ihren Spielern zu sagen, sie sollten mutig sein.“ Die Ausbildung in England sei armselig. Den Kindern würde untersagt, ihre Persönlichkeit auf dem Feld auszudrücken. Aus Angst, dass sie dabei den Ball verlieren könnten.

Best und Maradona würden auch im heutigen Fußball überleben

Bests Kritik ähnelt ein wenig der nostalgischen Litanei, wie man sie von älteren Stars häufig hört. Trotzdem war sie angebracht. Große Fußballer werden heute nicht auf der Straße, sondern in Akademien geformt. Ecken und Kanten werden früh abgeschliffen, das Pressen in Systeme beginnt ebenfalls früh. Häufig fehlt den Spielern das Individuelle – oder der Mut dazu, es auf dem Spielfeld auszudrücken. Die Laufwege sind vorgeben, das taktische Korsett ist eng geschnürt, das Spiel ohne den Ball hat an Bedeutung gewonnen. Manchmal wirken die Akademie-Zöglinge ein bisschen wie Roboter oder Schachfiguren – und wenig unterhaltsam.

Bests Ausführungen sollte man nicht so interpretieren, dass im heutigen Fußball für einen wie ihn oder Maradona kein Platz mehr wäre. Im Gegenteil. Beide besaßen Fähigkeiten, die heute mehr denn je gefragt sind. Die Räume sind durch Taktik (Verschieben, Pressen) und die Zunahme der Laufleistung enger geworden. Best und Maradona hatten mit räumlicher Enge nie ein Problem – dank ihres Tempos auf den ersten Metern, einer extrem engen Ballführung, ihrer Fähigkeit zu schnellen Richtungswechseln, ihrer Spielintelligenz. Best war einer der ersten Spieler, die ein Gegenpressing praktizierten. Verloren Best und seine Mannschaft den Ball in der gegnerischen Hälfe, setzte er umgehend nach. Häufig genug durfte sich der gegnerische Verteidiger nur kurz des eroberten Balles erfreuen. Auch im erwachsenen und von Trainern erzogenen Best blieb das Kind.

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"D10S" erscheint im Februar 2021.

Appelliert das Gegenpressing nicht auch an einen Urinstinkt des Fußballers, ähnlich wie der Ballbesitz? Einen Urinstinkt, der dem Nachwuchsfußballer ausgetrieben wird, zugunsten von mehr Ordnung im Spiel. Das erste Trainingsspiel einer Gruppe von Fünfjährigen gestaltet sich in der Regel so: Von 20 Spielern stürzen sich 15 auf den Ball. Verliert eines der Kinder die Kugel, setzt es sofort nach. Weil Fußball für das ballverliebte Kind zunächst nur heißt: Ball haben, Tor schießen. Mehr nicht.

Wie bereits dargestellt, mussten sich Best und Maradona mit Gegenspielern auseinandersetzen, deren Auftrag lautete, die Genies umzutreten. Heute werden technisch beschlagene Spieler besser geschützt als in den aktiven Jahren von Best und Maradona. Best und Maradona gehören zu den wenigen Spielern aus der Vergangenheit, die auch im heutigen Fußball überleben würden.

„Das beste System nützt nichts, wenn die Spieler nicht gut sind“

Nach der WM 2014 schrieb Hansi Flick in seiner Analyse des Turniers: „Unser Eindruck war, dass viele Spieler das Gefühl hatten, dass das System ihre Fehler auffängt. Nach dem Motto: Wenn ich den Zweikampf verliere, kann ich mich auf den Mitspieler verlassen, der hinter mir steht und das Problem löst. Wir müssen wieder eine andere Einstellung fördern, nämlich: An mir kommst du mit dem Ball nicht vorbei! Teil unserer Spielphilosophie muss sein, dass die Spieler Spaß daran haben, sich Mann gegen Mann zu messen. Genauso in der Offensive. Sie müssen das Selbstbewusstsein entwickeln, Eins-gegen-eins-Situationen anzustreben. Weil sie alle Möglichkeiten haben, vorbeizugehen, weil sie ein großes Repertoire an Finten haben, weil sie über Geschwindigkeit und technische Qualitäten verfügen. Die Qualität der Mannschaft ist immer abhängig von der individuellen Qualität der Spieler. Das beste System nützt nichts, wenn die Spieler nicht gut sind.“

Womit wir nun bei den Themen Nationalmannschaft und deutscher Fußball angelangt sind, was in diesen Tagen unvermeidlich ist. Der größte Fehler, den der DFB im Vorfeld der WM 2018 beging, war die Ausrufung des Ziels „Titelverteidigung“. Dass man als Weltmeister auch Europameister werden wollte – in Ordnung. Bei der EM 2016 scheiterte man im Halbfinale etwas unglücklich. Der Titel wäre möglich gewesen, aber 2018, vier Jahre nach dem Triumph von Rio? Nur mit sehr großem Turnierglück. Und ohne die Unruhe im Vorfeld des Turniers.

Bereits bei der WM 2014 war erkennbar, dass es für die Mannschaft schwieriger werden würde. Ideal war es eigentlich 2010 gewesen. Die Gegner veränderten ihr Spiel gegen die Deutschen, während diesen die Spieler fehlten, die der neuen Herausforderung begegnen konnten. Bei der WM 2014 konnte man das Fehlen von Dribblern und die Existenz von nur einem Außenverteidiger von internationaler Klasse (Lahm) noch kaschieren / kompensieren. Bei der EM 2016 (ohne Lahm und ohne Klose) schon weniger, bei der WM 2018 überhaupt nicht.

Nach dem Turnier in Russland begann eine ziemlich verquere Debatte um den sogenannten „Ballbesitzfußball“, der nun als megaout galt. Christian Dobrick, Autor von talentkritiker.de und Mitarbeiter im NLZ von Holstein Kiel: „All jene, die schon immer das typisch deutsche Spiel – den raumorientierten Umschaltfußball – favorisiert hatten, fühlten sich nun endgültig im Recht: ‚Tiki Taka‘ ist tot! Und ‚undeutsch‘ noch dazu.“

Die DFB-Elf war aber nicht daran gescheitert, dass sie zu häufig den Ball besaß. Es fehlten Lösungen, mit denen sich dichte Abwehrriegel durchbrechen ließen. Man forderte nun „Umschaltfußball“ – schwierig zu spielen gegen Teams, die sich hinten rein stellen und dem Gegner den Ball überlassen.

Ein Instrument, um tief und massiert stehende Gegner zu knacken, sind dribbelnde Offensivspieler und Außenverteidiger. Diese fehlten in der DFB-Elf.

Woher kommt der Mangel an mutigen Dribblern? Schalkes U19-Trainer und „Weltmeistermacher“ Norbert Elgert verwies auf negative Entwicklungen im Nachwuchsfußball, wo Verhaltensweisen von Trainerkollegen und auch Eltern die Entscheidungsfreude und den Mut zum Risiko massiv beeinträchtigen würden: „Wir müssen bei den Spielern wieder mehr Entscheidungsfreude fördern. Wir brauchen Spieler, die sich mehr zu dribbeln trauen, die das Eins-gegen-Eins suchen. Wie oft heißt es dazu doch: Spiel ab, Du Fummelkopp!“

„Tiki Taka“: Das große Missverständnis

Es hat also auch etwas mit Ausbildung zu tun, und hier kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Ich wurde stark vom Ajax- und Barҫa-Fußball geprägt, auch was das Denken über Ausbildung betrifft. Dazu stehe ich unverändert, muss aber eingestehen, dass meine Rezeption manchmal unvollständig war. Ich predigte viel Xavi (unverändert einer meiner Lieblingsspieler) und zu wenig Messi: kurze präzise Pässe, kurze Ballhaltzeiten, den Zweikampf vermeiden. Irgendwann stellte ich fest, dass ich a) ganz viele Zentrumsspieler besaß und b) kaum Akteure, die mit einem Dribbling vom Flügel aus oder durch die Mitte vor das Tor kamen. Und: Dass meine Mannschaft vornehmlich eine defensive Form des Ballbesitzfußballs beherrschte: Wir haben den Ball, damit der Gegner ihn nicht hat.

Ausgespielt
Mehr zur Krise des deutschen Fußballs:
"Ausgespielt?" von Dietrich Schulze-
Marmeling

Pep Guardiola hasste das „Tiki-Taka“: „Lasst mich mit dem ‚Tiki-Taka‘ zufrieden. ‚Tiki-Taka‘ ist eine Ersatzhandlung: sich den Ball zuspielen, um sich den Ball zuzuspielen, ohne jede Absicht oder Drang nach vorne. Nichts! Nichts! Ich werde es nicht zulassen.“ Christian Dobrick: Schon in seiner Bayern-Zeit verstand weder die deutsche Öffentlichkeit noch die internationale Presse, was sie dem Katalanen mit diesem ‚Tiki-Taka‘-Begriff eigentlich antaten. Guardiolas Ablehnung des Begriffs ‚Tiki Taka‘ ist passend für die Problematiken im Jugendfußball. Denn viele Trainer möchten Guardiola kopieren, ohne dabei zu verstehen, was Guardiola eigentlich genau tut – zum Leidwesen ihrer Schützlinge. Ihre Entwicklung als Fußballer wird durch die Fehlinterpretation einer Spielauffassung schlicht und ergreifend beeinträchtigt. (…) Die Passideologie derjenigen, die Elgert anspricht, beruht auf einem grundlegenden Missverständnis von dem, was Trainer-Ikonen wie Johan Cruyff oder Pep Guardiola im Sinn haben, wenn sie davon reden, dass der Pass die Grundlage des Fußballspiels ist. Tiki Taka‘ ist als defensiver Ballbesitzfußball, der aus der internen Logik des Spiels heraus zum Scheitern verurteilt ist, ebenjene Mutation des einstigen Ideals. Ballbesitzfußball zeichnet sich dadurch aus, dass er den Anspruch hat, jeder Zeit agieren und die Initiative innehaben zu können. Wer den Ball hat, der ist die treibende Kraft im Spiel und bestimmt, wo das Spiel gerade stattfindet. Defensive wird jedoch zunächst einmal als ein reaktiver Akt verstanden (gleichwohl auch hier Grauzonen existieren, denn sowohl das Gegenpressing als auch das Pressing versucht diese Regel umzukehren). Ballbesitz also vorrangig defensiv nutzen zu wollen ist nicht nur kontraintuitiv, sondern schlicht und ergreifend auch unökonomisch. Das ‚Tiki Taka‘ hat die cruyff’sche Grundidee, das ‚Wie‘ über das ‚Was‘ zu stellen, umgekehrt und sie damit vollkommen ad absurdum geführt. Für Cruyff stand der Prozess und die Idee über einzelnen Ergebnissen.“

„Wenn ich kein Risiko eingehe, riskiere ich alles!“

Guardiolas Barҫa besaß mit Messi einen Spieler, der im richtigen Moment aus dem Modus des Hin- und Herpassens ausbrach, um sich stattdessen mit Tempo, enger Ballführung und ohne Scheu vor dem Eins-zu-eins-Duell auf die gegnerische Abwehr zu stürzen. Aber ohne die „Passmonster“ Xavi und Iniesta, die für das Auge des Laien eher unauffällig agierten, wäre Messi vielleicht nur die Hälfte wert gewesen. Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler und Publizist Hans- Ulrich Gumbrecht: „Messi spielt, wie er spielt, weil er Xavi und Iniesta hat.“ Ein Spieler, der im richtigen Moment aus dem System bzw. dem Passmodus ausbricht, um auf eigenes Faust – genauer: durch Dribblings, durch das von Best und Maradona geliebte Eins-gegen-eins-Duell – die Spielsituation radikal zu verändern, der den Vortrag des eigenen Teams mit einem Moment der Unberechenbarkeit bereichert, ist unverzichtbar. Purer One-Touch-Fußball ist „nicht gut für die Kreativität des einzelnen Spielers. Und auch nicht gut für die Kreativität des Systems“, so Gumprecht.

Manchmal fehlt dem „modernen Fußball“ das Ungezähmte und Unvorhersehbare – und damit auch der Spaß. Wenn es noch eine Weiterentwicklung des Fußballs geben kann, dann vielleicht dahin, dass man diese Elemente wiederentdeckt und sie in den modernen Konzept- und Systemfußball integriert. Also: ein bisschen weniger Plan, ein bisschen mehr Kreativität, Spontanität und Improvisation – eben mehr Mut zum Risiko. Pep Guardiola: „Wenn ich kein Risiko eingehe, riskiere ich alles!“

Trial and Error

Beim DFB scheint man die Defizite erkannt zu haben. Daniel Niedzkowski, verantwortlich für die Fußballlehrer-Ausbildung beim DFB, im Frühjahr 2018, also noch vor der WM in Russland: „Das Streben nach Effizienz nimmt uns die Möglichkeit, kreative Spieler auszubilden. Im Ausbildungsbereich ist daher für mich ein möglichst großes Maß an Freiheit wichtig. Kreativität ist ein Prozess von Trial and Error. Ich versuche etwas und scheitere, dann versuche ich es ein bisschen anders und scheitere wieder, bis ich irgendwann nicht mehr scheitere. So entsteht etwas Außergewöhnliches. Es entsteht nicht, wenn man in festen Strukturen und taktischen Zwängen steckt.“ Niedzkowski teilte die Kritik, die es an der Gewichtung innerhalb der Ausbildung von Talenten in Deutschland gegeben hat. Verkürzt: zu viel taktische Schulung, zu wenig individuelle Freiheit. Thilo Kehrer (PSG) sieht es ähnlich: „Die Trainer und Ausbilder machen klare Vorgaben, der Leistungsdruck und auch der Zeitdruck sind groß. Wichtig ist, dass sich junge Spieler dennoch ausprobieren dürfen, um ihre Persönlichkeit und eine starke Mentalität zu entwickeln.“

Mit der Ausbildung ist es so: Man entdeckt ein, zwei Defizite, damals waren es im deutschen Fußball Taktik, Spielphilosophie und Passspiel. Mit der Folge, dass man andere Dinge vernachlässigt und neue Defizite aufploppen. Der deutsche Fußball wirkte gegenüber dem einiger anderer Länder bieder und rückständig. Dies wurde korrigiert, mit dem WM-Titel als Krönung. Aber schon 2014 wurde deutlich, dass die reformierte Ausbildung einer weiteren Reform bedurfte.

 

D10S Maradona
"D10S" erscheint im Februar 2021.

Dietrich Schulze-Marmeling ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. "George Best. Der ungezähmte Fußballer", im Frühjahr folgt, zusammen mit Hardy Grüne, "D10S. Maradona. Ein Leben zwischen Himmel und Hölle". Außerdem ist er Mitherausgeber des im Verlag Die Werkstatt erschienenen "Goldenen Buchs der Fußball-Weltmeisterschaft".

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