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blog vom 23.11.2020

Corona schießt keine Tore

von Dirk Segbers

An der Tabellenspitze der spanischen Primera División steht zurzeit etwas überraschend ein Klub, den die meisten nicht auf dem Zettel hatten: Real Sociedad San Sebastián. Obwohl „überraschend“ hier vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist, wenn man die vergangene Saison aufmerksam verfolgt hat. Besonders in Erinnerung geblieben ist die Pokalsaison mit dem spektakulären 4:3 nach 4:0-Führung im Viertelfinale bei Real Madrid. Es folgte der Einzug ins Finale, das nach Absprache mit Gegner Athletic Bilbao und dem spanischen Verband erst dann stattfinden soll, wenn Zuschauer zugelassen sind. Aber auch in der Liga lief es insgesamt rund, obwohl es nach längerem Aufenthalt auf den Champions-League-Plätzen „nur“ für die Europa League reichte. Das junge Team des letzten Jahres blieb – vom schmerzlichen Abgang des norwegischen Jungstars Martin Ödegaard, der zu Real Madrid zurückbeordert wurde, einmal abgesehen – weitgehend zusammen und verstärkte sich zudem mit dem erfahrenen David Silva.

In der letzten Partie vor der Länderspielpause traf Real Sociedad auf den FC Granada, dessen Entwicklung im vergangenen Jahr erstaunlich parallel zu der der Basken verlief. Im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg schlugen sich die Andalusier sowohl in der Liga als auch im Pokalwettbewerb hervorragend. In der Copa del Rey wurde das Halbfinale erreicht, in dem man denkbar knapp an Athletic Bilbao scheiterte. Auch wenn die Gegner in den ersten Runden eher in die Kategorie „Fallobst“ gehörten, setzte man sich im Viertelfinale immerhin gegen den FC Valencia durch. In der Liga gelang ebenso wie bei Real Sociedad der Einzug ins internationale Geschäft, zum allerersten Mal in der Vereinsgeschichte. Abgesehen von einem bizarren Streit mit dem eigenen Trikotsponsor, der den Klub in den sozialen Medien mehrfach aufs Übelste verhöhnte, läuft es auch in der aktuellen Saison prächtig. Trotz der beträchtlichen Fluktuation im Kader (10 Abgänge, 10 Zugänge) stehen bislang 14 Punkte und der 5. Platz zu Buche.

Stadion San Sebastian
Die Heimspielstätte von Real Sociedad (Foto: Bhgh543bgf / CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Exterior_of_Anoeta_stadium#/media/File:Anoeta_estadioa,_2020-9-8,_Donostia,_Gipuzkoa,_Euskal_Herria.jpg)

Ein ausgeglichenes Duell also, könnte man meinen. Das wäre auch sicherlich so gewesen, hätte nicht das Coronavirus zugeschlagen. Und das so heftig, dass Granada nur ganze sieben Akteure aus der ersten Mannschaft zur Verfügung standen. Die Klubspitze schätzte aufgrund dessen die Chancen auf einen Punktgewinn eher mau ein und beantragte beim Verband die Verlegung des Spiels. Der Antrag wurde jedoch postwendend abgelehnt. Begründung: Artikel 223 der Statuten des Verbandes sieht zwar eine Mindestanzahl von Spielern aus dem Kader einer ersten Mannschaft vor, die bei Anpfiff und während des gesamten Spiels auf dem Feld stehen müssen. Diese liegt jedoch exakt bei sieben, und genauso viele standen Granada ja zur Verfügung. Zudem wurde für die laufende Saison eine Corona-bedingte Sonderregelung eingeführt, die diese Anzahl auf fünf reduziert. So trat also Granada mit sieben Profis und vier Spielern der zweiten Mannschaft auf dem Feld sowie acht weiteren Mitgliedern der Reservemannschaft und der A-Jugend auf der Bank an. Für Real Sociedad wurde das Duell der erwartete Spaziergang: 2:0 nach einer knappen halben Stunde, danach wurde einen Gang heruntergeschaltet und es blieb beim 2:0, trotz knapp 75 % Ballbesitz und 22:2 Torschüssen.

Dumm gelaufen für Granada, könnte man jetzt einwerfen, wahrscheinlich trifft die vermaledeite Pandemie diese Saison jeden einmal. Real Sociedad war zu Anfang der Saison auch schon dran, als Star-Neuzugang David Silva positiv getestet wurde. Mund abwischen, weitermachen. Im Laufe der zweiten Halbzeit passierte allerdings etwas, das die Sache nachträglich etwas verkompliziert. Granada wechselte erst zwei Profis aus und danach noch einen, so dass nur noch vier auf dem Feld standen. Ein klarer Regelverstoß also, da die Mindestanzahl von fünf Spielern der ersten Mannschaft unterschritten wurde. Real Sociedad gab jedoch bereits kurz nach Spielende bekannt, auf einen Einspruch gegen die Wertung des Spiels zu verzichten. Auch wenn Real Sociedad das Spiel ja ohnehin gewonnen hatte: Bei einer Entscheidung am grünen Tisch wäre es mit 3:0 statt 2:0 für die Basken gewertet worden. Aber was ist schon ein Törchen über eine gesamte Spielzeit betrachtet? Nun ja, man frage mal einen Fan des 1. FC Nürnberg, was beim legendären Abstiegsfinale 1998/99 los war. Aber so weit zurück muss man gar nicht gehen: In der vergangenen Saison der Primera División hatte der Sechstplatzierte genau ein Tor Vorsprung vor dem punktgleichen Siebten. Letzterer musste sich durch drei Qualifikationsrunden für die Europa League quälen, während der darüber platzierte Klub direkt einzog. Die beiden Vereine heißen, na klar, Real Sociedad und FC Granada.

Hat also Real Sociedad bei aller Sportlichkeit, für die der Klub nun gelobt wird, richtig gehandelt? Was ist, wenn der Verein wegen des einen Tores die Meisterschaft einbüßt oder die Champions-League-Plätze verpasst? Und andersherum: Was, wenn er die Meisterschaft so gewinnt? Dann wäre Real Sociedad vielleicht in den Augen vieler der Klub, der sich den Titel am grünen Tisch erstritten hat. Was, wenn Granada in der verbleibenden Saison abstürzt, aber zum Schluss die Kurve kriegt und die Klasse hält, mit nur einem Tor Vorsprung? Wäre es nicht vielleicht fairer gegenüber der gesamten Liga gewesen, den Einspruch durchzuziehen? Und warum greift die Liga nicht ein und wertet das Spiel selbst mit 3:0, zumal sie ja auf die Austragung gepocht hat? Darf sie das überhaupt, juristisch gesehen?

Bei der Betrachtung dieses ganzen potenziellen Schlamassels vergisst man schnell eine Dimension, auf die auch in der spanischen Presse erstaunlicherweise so gut wie gar nicht eingegangen wurde. Eine Dimension, die momentan eigentlich gegenüber der sportlichen und monetären priorisiert werden sollte: Was ist mit dem Ansteckungsschutz, was mit dem Ziel der Eindämmung der Pandemie? Warum wird eine Fußballmannschaft dazu gezwungen, mit einem Rumpfteam anzutreten, das nachweislich Kontakt mit einer hohen Anzahl infizierter Personen aus den eigenen Reihen hatte? Die beiden venezolanischen Nationalspieler des FC Granada, Yangel Herrera und Darwin Machís, reisten im Anschluss an die Partie um den halben Globus zur WM-Qualifikation in Brasilien und drei Tage später in Venezuela gegen Chile. Beide kamen in beiden Partien zum Einsatz. Für Mikel Oyarzabal und Mikel Merino von Real Sociedad ging es mit der spanischen Nationalelf in die Schweiz und wenige Tage später in Sevilla gegen Deutschland, Alexander Isak wurde für Schweden unter anderem in Frankreich eingewechselt. Das sind wohlgemerkt nur wenige Beispiele aus einer einzigen aus hunderten von Ligapartien weltweit mit Beteiligung von Nationalspielern. Der Fußball bindet sich dadurch nicht nur ein massives Infektionsrisiko, sondern auch ein Image-Problem ans Bein. Die offensichtlichen, durch Wettbewerbe wie die Nations League und unnötige Freundschaftsspiele noch geförderten Privilegien der kickenden Zunft können Otto-Normalfan, der sich das Spiel seiner Mannschaft aus Gründen des Infektionsschutzes momentan nicht einmal in seiner Stammkneipe anschauen kann, ja nur sauer aufstoßen. Vom Krankenpfleger, der tagelang auf Ergebnisse von Corona-Tests warten muss, während Profi-Fußballer am laufenden Band getestet werden, ganz zu schweigen. Da ist eine dauerhafte Entfremdung gegenüber der Welt des Fußballs programmiert. Angesichts der Neuigkeiten in Bezug auf Impfstoffe stellt sich unweigerlich die Frage, wie wohl damit im Profisport umgegangen wird. Bleibt zu hoffen, dass Verbände und Ligen hier mal ausnahmsweise ein Fettnäpfchen auslassen und die Impfungen denjenigen zugutekommen, die sie wirklich benötigen.

In den meisten europäischen Ligen ist erst etwa ein Viertel der Saison vorbei. Es kann also noch so einiges auf uns zukommen – sportlich, gesundheitlich und politisch.

 

Dirk Segbers
Dirk Segbers

Dirk Segbers (Jahrgang 1980) ist Übersetzer und lebt im nordspanischen Miranda de Ebro. Dort unterstützt er den örtlichen Zweitligisten CD Mirandés nach Kräften, während sein deutsches Fußballherz seit Kindheitstagen für Borussia Mönchengladbach schlägt. Sein Interesse als Autor gilt vorrangig dem spanischen Fußball, insbesondere dem Einfluss deutscher Spieler in Spanien und spanischer Spieler in Deutschland.