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blog vom 09.04.2020

Warum wir nicht dem BVB helfen müssen – wohl aber dem ...

... Jürgen aus der Nordschänke

(Kein) Fußball in Corona-Zeiten (4)

Von Dietrich Schulze-Marmeling

 

Ich bin Mitglied des BVB und von Preußen Münster – und möchte die Frage, ob Fans Profiklubs in Zeiten von Corona finanziell helfen sollen, differenziert beantworten.

Wenn der Marketingleiter des BVB die Fans zu Geldspenden aufruft, damit den Angestellten des Vereins nicht gekündigt werden muss, ist dies ein miserabler Witz. Der einfache Angestellte des BVB verdient nur ein Bruchteil dessen, was der Marketingleiter und der Geschäftsführer einstreichen. Schwatzgelb.de: „Nicht wenige Geschäftsführer von Fußballkonzernen der ersten Liga verdienen mehr Geld, als so mancher Vorstandsvorsitzender von großen DAX Konzernen. Von den Profifußballern gar nicht zu reden, die inzwischen bei den Gehältern, Prämien und Handgeldern derart enorme Summen kassieren, dass dadurch sogar ihre Berater oftmals Millionäre werden.“

Bevor man die Fans um einen Obolus bittet, die bereits viel Geld im Ticketing, beim Stadion-Catering oder im Fanshop hinterlassen, sollte man erst einmal in andere Taschen greifen.

Was die Spieler anbetrifft, so werden diese allerdings für meinen Geschmack etwas zu stark gebashed. Jedenfalls im Vergleich mit anderen Großverdienern in dieser Gesellschaft, von denen einige täglich schweren Unsinn mit schwerwiegenden Folgen für die Menschheit anstellen. Was man von den Kickern nicht behaupten kann.

Manchmal dient der Verweis auf die horrenden Spieler-Gehälter auch der Ablenkung vom eigenen Versagen und anti-sozialen Verhalten – sowohl den Vereinen wie der Politik. Deutschland hat sich lange mit dem Profifußball schwer getan.

Das Verhalten der Premier League-Spieler wurde hierzulande häufig verkürzt dargestellt. Als der britische Gesundheitsminister Matt Hancock über sie herfiel, saßen sie schon längst an eigenen Plänen zur Unterstützung der Corona-Opfer und des medizinischen Systems. (Unter Leitung von Liverpool-Kapitän Jordan Henderson arbeiteten die Kapitäne der 20 Premier League-Klubs an der Errichtung eines Spendenfonds.) Bei der Ablehnung einer kollektiven Gehaltskürzung spielte auch der nicht ganz unbegründete Verdacht eine Rolle, die Vereine wollten an der Corona-Krise verdienen. Ex-Profi und Ex-Nationalspieler Jermaine Jenas gab zu bedenken: Wenn die die Spieler einer Gehaltskürzung blindlings zustimmten, würden davon nur die Klubs bzw. deren Eigentümer profitieren.

Und auch ich hätte einen dicken Hals, wenn mich der Minister einer Regierung moralisch in die Ecke drängt, die in der Corona-Krise zunächst komplett versagt hat. Es heißt immer, Fußballer müssten Vorbilder sein. Aber das schlechteste Vorbild war in Großbritannien der Premierminister, der großspurig mit den vielen Händen prahlte, die er geschüttelt habe (wodurch er weitere Menschen infizierte), der Corona zunächst verharmloste und mit verantwortlich ist für die hohe Mortalitätsrate in seinem Land. Ich wünsche ihm trotzdem gute Besserung – aber nach seiner Genesung sollte er sich bei der Bevölkerung dafür entschuldigen, wie seine Partei das NHS zerschossen hat. Crystal-Palace-Spieler Andros Townsend: „Die Verantwortung für die Mitarbeiter ist sein (Hancocks) Job. NHS-Mitarbeiter sind seit Jahren unterbezahlt.“

Und die Vereine? Die Premier League entrichtete zwar eine Spende von 22,7 Mio. Euro für den NHS, versuchten aber gleichzeitig in den Genuss staatlicher Unterstützung zu kommen.

Doch zurück zum BVB und meiner Spendenbereitschaft: Es gibt noch weitere Gründe, dem BVB eine Spende zu verweigern. Der Verein wird ganz sicherlich nicht zu den großen Verlierern der Krise gehören. Im Rahmen einer fortschreitenden Marktbereinigung könnte er sogar von der Krise profitieren. An Hardy Grünes These: „Der Fußballmarkt schrumpft – Gewinner sind die großen Vereine“ ist ja etwas dran.

Für BVB-Boss Aki Watzke hat Solidarität ihre Grenzen: Er will keinen Klubs helfen, die selbstverschuldet in eine Schieflage geraten sind. Und vergisst dabei, dass sein Verein schon mal selbstverschuldet in eine Beinahe-Insolvenz geschlittert ist. Gerettet wurde er u.a. dank der Solidarität der Fußballfamilie. Seine etwas größenwahnsinnigen Vorgänger hatten den BVB und dessen Stadion so groß gemacht, dass er als „systemrelevant“ galt, was seine Rettung begünstigte. (Ähnlich verhält es sich heute in der 3. Liga mit dem 1.FC Kaiserslautern und seinem „Betze“).

Warum soll ich mich mit einem Verein solidarisch zeigen, dessen Führung selber ein sehr eigentümliches Verständnis von Solidarität pflegt? Der in den letzten Wochen leider maßgeblich dazu beigetrug, dass der Profifußball weiter an Integrität und Glaubwürdigkeit verlor. Der in der Krise die anderen Vereine primär als Konkurrenten betrachtet?

Muss ich Mitleid damit haben, wenn jetzt möglicherweise TV-Einnahmen wegbrechen? Der BVB und andere haben sich freiwillig in diese Abhängigkeit begeben. Sie haben TV-Anstalten gegeneinander ausgespielt und erpresst, sie haben die Ware zu einem überhöhten Preis verkauft, den diese kaum einspielen konnten. Schwatzgelb.de: „Diese Branche war ohne schon vor Corona kurz vorm Kollaps. Sie haben es nur vor lauter Geld, welches weiter in die Branche strömte (und sei es von irgendwelchen totalitären Staaten, von seltsamsten Geldquellen oder einfach auch nur zu Lasten der Zuschauer und Fans durch Splittung von TV-Rechten etc.), einfach gar nicht mehr wirklich bemerkt.“

Führende Köpfe der Branche merken es noch immer nicht, wenn sie ihre Unterhaltungsindustrie für „systemrelevant“ verklären und für diese Sonderrechte reklamieren. (Was heißt hier eigentlich „systemrelevant“? Ist der Berliner Stadtteilverein, der sich um benachteiligte Jugendliche kümmert, nicht ebenfalls „systemrelevant“?)

Jürgen Klopp hat zu Beginn der Corona-Krise gesagt, „dass Fußball immer die wichtigste der unwichtigen Sachen zu sein scheint.“ Die „FAZ“ kommentierte damals: „Jürgen Klopp, und das muss man ihm – egal, wie man zu ihm steht – zugute halten, ist weit davon entfernt, sich für unantastbar zu halten. Und wenn man mit ihm spricht, bekommt man eine Ahnung, warum er ein Team führen und mitreißen kann. Er hat die Fähigkeit, im richtigen Moment das Richtige zu sagen. (…) Auf der Website des FC Liverpool hat er einen Brief veröffentlicht, dessen Tonart sich viele von den Führungsfiguren der Verbände gewünscht hätten.“ Dies gilt nicht nur für England und den FC Liverpool.

Wenn die Verhältnisse wieder normal werden, wenn das Gehalt eines Bundesligageschäftsführer nicht mehr 2,5 Mio. per anno beträgt (einschließlich Bonus-Zahlungen) beträgt, sondern „nur noch“ 800.00; wenn ein Nationalspieler und Leistungsträger nicht mehr 10 Mio. verdient, sondern „nur noch“ 2,5 Mio – wo ist dann das Problem? (siehe auch meinen Blog-Beitrag „Wer hat Angst vor einem normalen Profifußball?“). Man kann das System herunterschrauben, ohne dass ein Arbeitsplatz verloren geht und die Fans zur Kasse bittet. Aber warum soll ich eine Politik des „Weiter so wie bisher“ unterstützen?

Die „Fußballfamilie“ wird immer stärker in ihre einzelnen Bestandteile zerrissen. Die Corona-Krise wird diese Entwicklung forcieren. Und in diesem Prozess schlage ich mich nicht auf die Seite derjenigen, die den Hals nicht voll kriegen, das Schicksal des Restes nicht interessiert und mit einer europäischen Superliga flirten.

Und damit zu den Preußen. Diese spielen in der 3. Liga. Sportlich betrachtet ist die Liga eine attraktive Konstruktion, finanziell ist sie etwas problematisch. Auch wegen der gegenüber Bundesliga und 2. Bundesliga deutlich geringeren TV-Einnahmen. Der Zuschauerzuspruch spielt hier noch eine große Rolle. Das gilt in einem noch stärkeren Maße für die größeren Traditionsvereine in der Regionalliga. Die Saläre der Verantwortlichen sind relativ moderat, viele der Beschäftigten (wie z.B. die sehr guten und engagierten Jugendtrainer) arbeiten für ein Zubrot. Die Spieler verdienen nicht annähernd so viel wie die Topkräfte des vom Russen Mikhail Ponomarev gepäppelten KFC Uerdingen. Die Stadt hat beim Stadion viele Jahre gepennt, die Trainingskapazitäten sind schlechter als bei vielen Ligakonkurrenten. Kurz und gut: Hier wird zwar Profifußball gespielt, aber auf einem relativ bescheidenen (sagen wir ruhig: volksnahen) Level. Wenn die Fans für den Klub 50.000 Euro sammeln, ist das eine riesige Sache und bewegt etwas.

Im Gegensatz zum Fußball-Großunternehmen BVB steht für die Preußen und andere Vereine aus der 3. und 4. Liga tatsächlich viel auf dem Spiel – nämlich die Existenz.

Ich habe mich an zwei Spendenkampagnen für die Preußen beteiligt, die Beträge waren nicht weltbewegend, aber das Gefühl war gut. Nicht mehr so gut ist mein Gefühl, wenn es um den Mitgliedsbeitrag beim BVB geht. Das könnte ich auch dem Jürgen spenden, dem Wirt der Preußen-Kneipe „Nordschänke“ in der Kanalstraße in Münster, die seit Wochen wie viele andere Kneipen dicht ist. Stammgäste der Kneipe haben eine Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen, um die Einnahmeausfälle abzumildern. Geldspenden kann auch das Wolfgang-Borchert-Theater gebrauchen, eine wunderbare kulturelle Einrichtung, die ebenfalls durch die Corona-Krise bedroht ist. Und wenn ich über den Tellerrand von Münster hinwegschaue: Ärzte ohne Grenzen und andere Initiativen, die sich dem Elend der Flüchtlinge auf Lesbos widmen.

Der BVB muss sich damit zufrieden geben, dass mich ein Spieltag in Dortmund um die 100 Euro kostet.

 

(Foto Watzke: Imago)