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blog vom 31.03.2020

Nach Corona: Fällt "50+1"?

(Kein) Fußball in Corona-Zeiten (1)

Corona-Pandemie und Fußball-Krise – die neue Serie im Werkstatt-Blog. Wir beginnen mit dem Social-Media-Experten Mario Leo, der zahlreiche Spitzenklubs berät. Ein Interview von: Dietrich Schulze-Marmeling

 

Durch die Corona-Krise hat die Debatte um die „50+1“-Regel neuen Auftrieb erhalten. Einige Klubs erblicken im Wegfall dieser Regel ihren Rettungsanker. Wie realistisch ist es, dass sie fällt?

Die Debatte um „50+1“ ist seit Jahren eine stetige. Es gibt vehemente Befürworter und selbstverständlich auch starke Gegner dieser Regel. Mit der Corona-Krise kam die Debatte jetzt wieder auf. Die Auswirkungen der Corona-Krise sind in ihrer Gänze noch nicht abzusehen. Wir lesen nach knapp zehn Tagen schon von Gehaltsverzicht bei den Sportlern, Kurzarbeit bei Vereinen. Viele Szenarien werden vereinsintern besprochen werden müssen, eine Aufweichung der „50+1“-Regel wird sicher dazugehören! Das deutsche Wirtschaftsrecht bietet ja viele Möglichkeiten, zum Beispiel die Sperrminorität bei 25,01 Prozent als zentrales Element festzulegen. Eins steht für mich auf jeden Fall fest: dass zukünftige Lizenzkriterien entsprechend neu erarbeitet beziehungsweise neue Dimensionen erreichen werden.

50 plus 1 - Ultras VfB Stuttgart
"Unverhandelbar! 50+1 bleibt!" Die Fans des VfB Stuttgart am 1. September 2018 (Foto: Imago)

Würde die Aufhebung von „50+1“ denn überhaupt irgendetwas an den „Ungleichheiten“ ändern? Bayern München ist doch nun mal ein interessanteres Projekt als – sagen wir mal – Hannover 96. Ich könnte mir vorstellen, dass dann ein Klub wie der Hamburger SV „nach oben rutscht“ – aber Kinds 96er …?

Die wirtschaftlichen Aspekte eines Vereins zählen nur bedingt zu meinen Aufgabengebieten, daher kann ich hier nur Annahmen aufführen. Diese sind aber schon reell, da zu meinem Netzwerk auch entsprechend wirtschaftlich starke Partner und Unternehmen gehören. Ich bin überzeugt davon, dass Investoren in Bereitschaft stehen. Bisher mussten sie Deutschland fern bleiben. Wenn man aber beobachtet, wie viele Vereine in den europäischen Top-Ligen mittlerweile von Investoren übernommen worden sind, so kann man schon sagen, dass der deutsche Profifußball bei der wirtschaftlichen Kraft, der soliden Aufteilung von Erlösen (TV-Gelder, Ticketing, Spieltagseinnahmen, Sponsoren, etc.) für Investoren sehr interessant ist. Dazu kommt die starke und nachhaltige Wirtschaftskraft Deutschlands.

Borussia Dortmunds Vorstandsvorsitzender Aki Watzke möchte keinen Klubs helfen, die „selbstverschuldet“ in die Krise geraten sind. Nun ist der BVB schon mal selbstverschuldet in die „Beinahe-Insolvenz“ geraten – wurde aber auch gerettet, weil er „systemrelevant“ war. Inwieweit spielt „Systemrelevanz“ bei allen Überlegungen eine Rolle? Ich blicke mal in die 3. Liga: Der 1. FC Kaiserslautern darf seit Jahren Schulden ohne Ende anhäufen – in einem Ausmaß, das für einen Traditionsklub wie etwa Preußen längst das Ende bedeutet hätte. Ist „Lautern“ mit dem Betzenberg-Stadion schlichtweg systemrelevanter, als es die Preußen sind?

Der Begriff „systemrelevant“ war und ist mir persönlich etwas befremdlich! Aber es gibt sicher Städte, die ohne „ihren“ Klub vor Ort nicht die gleiche Außendarstellung und Strahlkraft haben – dazu zählen Dortmund und Kaiserslautern. Dortmund ohne den „BVB“ oder Kaiserslautern ohne den „FCK“ hätten in Deutschland sicher einen anderen Stellenwert. Die Vereine haben über Jahrzehnte den Fußball in Deutschland und Europa geprägt, daher wurde und wird alles versucht, diese Klubs als „Aushängeschilder“ weiter zu behalten. In meinen Überlegungen spielen diese Rahmenbedingungen allerdings gar keine Rolle, denn ich bin ein Mensch, der lösungsorientiert denkt und agiert. Besteht ein Problem, versuche ich umgehend eine Lösung zu finden – die Corona-Auswirkungen werden immens sein, von Dortmund bis Münster müssen alle wirtschaftlichen Szenarien durchgerechnet werden.

Du bist einer der führenden Digitalisierungsexperten in Europas Fußball, welche Möglichkeiten bieten denn die digitalen Kanäle für die Vereine, Ligen und Verbände?

Durch den Ausfall des Spielbetriebs können die Vereine, Ligen und Verbände Teile der Sponsorenvereinbarungen nicht einhalten, weil beispielsweise jemand, der eine LED-Bande am Spieltag eingebucht hat, diese Leistung nicht erhält. Um die wirtschaftlichen Einbußen nicht noch größer werden zu lassen, sollten die Vereine, Ligen und Verbände pro-aktiv mit den Partnern in den Dialog gehen, um diese Leistungen über Reichweite in den sozialen Medien zu ersetzen. Die Reichweiten sind häufig sogar noch viel größer und stellen einen Mehrwert für den Partner/Sponsor dar. Mir ist es wichtig, dass die handelnden Personen konzeptionelle Ideen bekommen, damit hier nicht noch größere Lücken bei den Einnahmen entstehen.

Du sprichst dich für einen Hilfsfonds für besonders arg gebeutelte Profiklubs aus: Nach welchen Kriterien sollten Hilfen vergeben werden?

Der Hilfsfonds ist als „Zwischenfinanzierung“ gedacht, auch weil die „50+1“-Regel nicht von heute auf morgen verändert werden kann. Um die administrativen Fristen zu ermöglichen, soll der Hilfsfonds zur Stützung der Klubs bereitgestellt werden. Die DFL „regelt“ die nationalen und internationalen „Produktangebote“ der 1. und 2. Liga, daher sollte sie aus meiner Sicht in der Lage sein, einen Hilfsfonds einzurichten und für einen fixen Zeitraum zur Verfügung zu stellen. Die Klubs, die diesen Hilfsfonds in Anspruch nehmen, müssten dann mit ihrer zukünftigen TV-Ausschüttung dafür haften! Sehr interessant finde ich allerdings die aktuellen Entwicklungen in der vergangenen Woche: Der FC Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer 04 Leverkusen und RB Leipzig haben die Summe von 20 Millionen Euro als Hilfsfonds bereitgestellt. Allerdings frage ich mich, wo die DFL in dieser Situation ist. Warum steht sie nicht an vorderster Stelle für „ihre“ Klubs ein? 

Bekommen Konzepte wie „Weltliga“ oder „Europäische Superliga“ Corona-bedingt nicht auch einen zusätzlichen Drive?

Davon bin ich persönlich überzeugt, denn diese Ideen sind nie ganz von der Bildfläche verschwunden. Die Corona-Krise ist eine weltweite und trifft alle Verbände, sämtliche Ligen und somit alle Vereine innerhalb dieser Ligen. Und auch eine große Anzahl an Sponsoren der Klubs, die den Wirtschaftskreislauf auf dieses Niveau gebracht haben, werden sich ebenso neu ausrichten und „sortieren“ müssen. Das verschiebt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: Ein Klub, der im Februar mit einem neuen Hauptsponsor für den Sommer verhandelte, wird in der Zwischenzeit die ursprünglich erhofften Einnahmen nicht mehr erzielen können, so viel steht für mich persönlich fest. Kurzarbeit, Verschiebung von Baumaßnahmen, das ist jetzt schon zu hören. Und wir stehen erst seit zwei Wochen still. Daher besteht die große Gefahr, dass nach der Corona-Krise – wenn sie mindestens drei Monate dauern wird – innerhalb einer Liga die Schere auf Vereinsebene so gravierend sein wird, dass man von einem Wettbewerbsgleichgewicht gar nicht mehr sprechen kann und es für den weltweiten Fußball kaum Alternativen gibt, als eine Weltliga oder zunächst eine europäische Superliga in Betracht zu ziehen. 

Zum Abschluss: Beschreibe mal eine Post-Corona-Fußballlandschaft, wie du sie für möglich erachtest.

Sollte die Zwangspause über den 15. Mai hinweg andauern, dann werden wir einige Vereine in den ersten Profiligen Europas nicht mehr wiedersehen. Die momentane Ungewissheit zur Wiederaufnahme des Spielbetriebes birgt in sich die größte Gefahr, sie blockiert alle Kalkulationen und Szenarien. Sobald ein klares Datum für die Wiederaufnahme feststeht, kann man Post-Corona-Szenarien erarbeiten und vorhersehen. Das ursprünglich von der DFL avisierte Ziel – am 3. April Spiele unter Ausschluss der Zuschauer im Stadion durchzuführen – wird es garantiert nicht geben. Als Empfehlung wurde in der vergangenen Woche nun der 30. April gegeben. Auch dieses Datum scheint immer noch recht ambitioniert – aber eine dritte Verschiebung wird aus meiner Sicht die ersten Klubs in die Insolvenz führen, sollten Hilfsfonds oder sonstige großzügige finanzielle Unterstützung nicht gegeben sein. Einen Ausblick möchte ich aber trotzdem wagen: Ich glaube, dass die Klubs nach Corona in den kommenden zwei bis drei Jahren nicht mehr die großen Summen im Sponsoring und bei den TV-Einnahmen erzielen werden können, was wiederum die Kaufkraft bei Transfers beeinflusst. Entsprechend wird sich der gesamte Kreislauf der Fußballlandschaft wirtschaftlich auf ein niedrigeres Niveau einstellen müssen.

 

 

 

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von Mario Leo
& Alex von Kuczkowski

Mario Leo, Jahrgang 1971, ist Geschäftsführer von RESULT Sports und begleitet seit vielen Jahren die digitale Entwicklung im Sport sehr intensiv und praxisnah. Zu seinen Klienten zählen über 60 Fußballklubs, -ligen und Verbände weltweit, inklusive UEFA. Aber auch Basketball-, Eishockey-, Handball und Volleyball-Organisationen setzen auf seine Unterstützung. Zusammen mit Alex von Kuczkowski hat er in unserem Verlag das Buch „Kaufen Sie Ronaldo! Wie Facebook, Instagram & Google den Profifußball verändern“ veröffentlicht.