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news vom 30.06.2021

Danke, Enno!

Dietrich Schulze-Marmeling, Foto: Johannes Hölker

31 Jahre hat Enno Brand im und für den Verlag Die Werkstatt gearbeitet. Heute ist sein letzter offizieller Arbeitstag. Und weil keiner von uns so lange schon mit dabei ist, haben wir Enno gebeten, einen kurzen Rückblick auf diese Zeit zu schreiben. Wir sagen: Danke für alles, Enno – und wir freuen uns, dass du uns auch in Zukunft noch hilfst, die Bücher „unters Volk“ zu bringen.

 

Von Enno Brand.

Meine „Werkstatt-Geschichte“ beginnt im Herbst 1981. Wenige Wochen, nachdem ich zum Studium nach Göttingen gekommen war, saß ich schon in der Redaktionsgruppe des „AtomExpress“ des Göttinger Arbeitskreises gegen Atomenergie – damals die einzige bundesweit erscheinende Zeitung der Anti-AKW-Bewegung. Schnell war klar: Das ist mein Ding! Ich wollte ja die Welt verändern – zum Besseren.

In dieser Redaktion arbeiteten auch Erich Schünemann und Bernd Weidmann, die just in dem Jahr den „Verlag Die Werkstatt“ gegründet hatten, in dem in den folgenden Jahren auch der „Atomexpress“ gedruckt wurde.

Damals konnte ich nicht ahnen, dass diese Konstellation für die nächsten 40 Jahre mein Leben bestimmen würde.

Politische Arbeit war angesagt. Artikel schreiben, Inhalte diskutieren, Demos organisieren. Das Studium wurde zur Nebensache. Wendland, Brokdorf, Schwandorf, Startbahn West, Weltwirtschaftsgipfel 1985 in Bonn wurden zu Fixpunkten. Und die Repression uns gegenüber.

Neben der inhaltlichen Arbeit führte das Zeitungmachen aber auch zu immer mehr technischem Knowhow: Fotosatz, Repro, Druck  waren keine Fremdworte.

Das Jahr 1986 brachte alles durcheinander: Zuerst die Katastrophe von Tschernobyl - und dann lernte ich meine heutige Frau kennen, und zog im Jahr darauf zu ihr nach Norddeutschland.

Die Bande nach Göttingen brachen nicht ab, das Zeitungmachen ging weiter und dann schrieb ich auch mein erstes und bis heute einziges Buch „Staatsgewalt“ – erschienen (natürlich) im Verlag Die Werkstatt. Die Lesungen dazu brachten mich durch die ganze Republik: Hamburg, Wendland, Berlin, München – bis hin nach Kolbermoor im südöstlichen Winkel Bayerns.

Im Sommer 1989 kam unser Sohn zur Welt. Dass sich damit einiges ändern würde war klar. Dass es dann aber ganz anders kam, konnte man nicht ahnen. Kurze Zeit später kam ein Anruf aus Göttingen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, im Verlag mitzuarbeiten? Ne Menge Diskussionen zuhause waren die Folge, und dann aber doch: Ja!

Es folgte eine kleine Probezeit im Herbst ´89, die bruchlos 1990 in meine Anstellung überging, und den Kleinfamilienumzug nach Göttingen zur Folge hatte.

Eine der entscheidenden Motivationen dafür: weiterhin auf diesem Weg politische Arbeit machen. Der zweite Grund, das weiterhin mit den guten alten Freunden machen zu können.

Es folgten über 30 Jahre intensive Verlagsarbeit. Zuerst technische Druckabwicklung (bei fast 40 Grad mit Erich in der Dunkelkammer Repros erstellen, nachts Druckplatten in die Druckerei bringen ...), dann inhaltliche Betreuung von Buchprojekten (DDR-Fußball, Stasi und Fußball, Handball, Frauenfußball, Werder ...) und irgendwann dann auch die Pressearbeit in allen Facetten inklusive Lesungen, Buchmessen etc.. Und immer wieder Diskussionen, Diskussionen, Diskussionen.

Zuerst war unser Programm noch geprägt von Umwelt- und Friedensthemen – auch mit Unterrichtseinheiten, dann kamen allgemeine linke Themen dazu, zu denen wir brillante Bücher machten (Nordirland-Konflikt, Kampf gegen Rechts, Balkankrieg, Kurdistan). Die sich allerdings immer weniger verkauften. Die Wiedervereinigung brachte auch eine dramatische Veränderung in der bundesrepublikanischen Linken mit sich: sie zerfaserte und zerstritt sich.

Und manche gingen plötzlich zum Fußball. St.Pauli und Hafenstraße waren der erste Brennpunkt. Es folgten Schalke, Bremen, Frankfurt ... und Fanarbeit wurde politisch.

Die normalen Fanzines der späten 80er Jahre waren eher rechte Hool-Magazine. Aber jetzt machten linke Gruppen im Fußball mit. „Hattrick“ sorgte für Furore, später entstanden 11Freunde und Rund. Neue Fanzines, politisch links stehend, entstanden. Rassismus und rechtes Denken in den bisherigen Fanszenen galt es zu bekämpfen, ebenso verkalkte Vereins- und DFB-Strukturen. Die Fans forderten Teilhabe.

Genau in diese Zeit fielen unsere ersten Fußballbücher. „Der gezähmte Fußball“ (1992) von Dietrich war noch einem glücklichen Zufall geschuldet, „Fußball und Rassismus“ war schon eher Programm. Mein Anspruch – Verlag und politische Arbeit – setzten sich fort.

Und – solche Bücher gab es bis dahin nicht. Es gab eine ungemeine Nachfrage danach. Die Geschichtsvergessenheit bis hin zu absichtlicher Negierung der eigenen Nazi-Vergangenheit in den Vereinen und im DFB wurden eines unserer großen Themen. Das andere wurde der „Jüdische Fußball“, dessen Betrachtung bis dahin ein Schattendasein führte. Beide Themen machten uns bekannt und sorgten auch für eine große Anerkennung – sowohl bei den seriösen Medien, als auch bei Autoren. Die Folge sind fast dreißig Jahre Fußball im Verlag Die Werkstatt. Es war eine Zeit, in der politisch im DFB viel im Argen lag, wo wir sticheln, Akzente setzen konnten. Viele der damaligen Themen sind heute Standard im Verband: Antirassismus, Kampf gegen Homophobie, Frauenfußball. Nicht, dass wir das bewirkt hätten – aber wir haben das Material dazu geliefert.

Das, was sich in den achtziger Jahren im Rahmen unserer politischen Arbeit sowohl an Expertise, als auch an Kontakten und Freundschaften – die zum Teil bis heute tragen -ergeben hatte, stellte sich jetzt wieder ein. Nur auf der Ebene Fußball und Buch.

Ich habe in dieser Zeit so viel an neuem Wissen aneignen, so viele gute Leute und so viele spannende Orte kennen lernen dürfen – das wird noch lange tragen.

Ich kann mich nur bei all meinen Kolleginnen und Kollegen für diese Jahre bedanken. Das machen wir noch intern. Nur Christine, die noch ein Jahr länger in diesem Verein dabei ist, möchte ich dabei doch hervorheben.

Vielen Menschen, die ich kennen lernen und mit denen ich zusammen arbeiten durfte in diesen Jahren, möchte ich genauso danken. Stellvertretend für viele: Daniel Meuren, Christoph Ruf, Matze vom Eintracht-Museum, Hans vom BibaBuze in Düsseldorf, Bertram Job, Jan-C. Müller ...

Mein liebstes Buch-Projekt in diesen Jahren: Lebbe geht weider! Mit Stepi Stepanovic, der  nach der Buchvorstellung jede Menge hochprozentigen Slibowitz verteilte. Ein sehr, sehr herzlicher Mensch.

Und einige Orte haben mir viel gegeben: die ganzen Lesungen bei den Sechzgern, die Veranstaltungen zum FCK in der Pfalz (ein ganz spezielles Fußball-Pflaster), alle Lesungen im Eintracht Fußball-Museum ...

Und was mindestens genauso wichtig für mich war und ist: Ich brauchte mich die ganzen Jahre nicht zu verbiegen, ich brauchte nicht im Anzug zur Arbeit erscheinen und konnte letztendlich meine Arbeit so machen, wie ich sie für richtig hielt.

 

Und das Gute dabei: ich höre ja noch nicht ganz auf!

Enno