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blog vom 27.11.2020

Ralf Rangnick und der DFB

von Dietrich Schulze-Marmeling

 

Klopp, Tuchel, Flick, Rangnick? Oder als Übergangslösung Stefan Kuntz? Wer wird der nächste Bundestrainer?

 

Klopp und Tuchel scheiden aus, Flick wohl ebenfalls. Bleiben noch Rangnick, der als einziger aus dem Quartett der renommierten Interesse signalisiert, und Stefan Kuntz.

Was für diese beiden Kandidaten spricht: Rangnick ist bereits 62 und hat sich vom Job des Vereinstrainers im Sommer 2019 verabschiedet. Stefan Kuntz kommt aus dem Verband und steht noch am Anfang einer Trainerlaufbahn. Klingt merkwürdig, schließlich geht es doch um das Aushängeschild des deutschen Fußballs! Oder? Nein, es geht nur um die Nationalelf! Um eine Mannschaft, die sporadisch zusammenkommt, in wechselnder Besetzung, ein bisschen trainiert und zwei Spiele. Dann kehrt jeder zurück nach Hause – zu seinem Verein.

Ein Übergangskandidat Kuntz muss nicht perspektivisch denken, könnte sich einzig und allein auf die EM konzentrieren und die personelle Erneuerung der Mannschaft vorrübergehend teilweise einfrieren. Er müsste sich keine Gedanken darüber machen, was nach dem Turnier kommt, welche Mannschaft im Dezember 2022 spielt. Niemand würde von ihm eine Weiterentwicklung verlangen.

Vor der Wahl des Trainers – Löw, Rangnick oder Kuntz – müsste der DFB allerdings entscheiden, „was er eigentlich mit Blick aufs EM-Jahr 2021 will“ (Frank Hellmann in der Frankfurter Rundschau). Will er die personelle Erneuerung konsequent fortsetzen, vielleicht sogar radikalisieren und möglicherweise auch Toni Kroos verabschieden? Mit der möglichen Folge eines Ausscheidens in der Vorrunde, spätestens aber im Viertelfinale? Oder will er jenen folgen, die sagen, eine deutsche Nationalelf muss generell mindestens das Halbfinale erreichen – was anschließend passiert, ist erst einmal egal. Schließlich stellen wir den aktuellen Champions-League-Sieger. (Wobei man allerdings berücksichtigen sollte, dass es nicht die Bayern-Elf der Saison 1973/74 war, die den Henkelpott holte. Von den gegen Tuchels Paris St. Germain  eingesetzten 15 Spielern waren fünf Deutsche. Der BVB startete am Dienstagabend gegen Brügge mit nur einem deutschen Akteur: Mats Hummels. In der Schlussphase schickte Favre noch vier weitere aufs Feld.)

Ralf Rangnick
Und demnächst Bundestrainer?`Ralf Rangnick im Sportstudio. (Foto: imago)

Alle Macht dem Ralf

Im Folgenden soll es um Ralf Rangnick gehen, der u.a. vom Kicker gefordert wird. Rangnick ist verfügbar, weil sich ein Engagement als Sportdirektor bei Milan zerschlagen hat. Auf Sportbuzzer las man hierzu: „Neben dem am Ende aussichtslosen Kampf gegen die Klubikonen ist Ralf Rangnick im Poker um die sportliche Führung bei der AC Mailand auch sein uneingeschränktes Machtstreben zum Verhängnis geworden.“ Und weiter: „Ralf Rangnick ist in der Branche nicht gerade bekannt dafür, ein Mann zu sein, der nicht das bekommt, was er sich wünscht. Entweder läuft es so, wie er es will – oder es läuft gar nicht. So war es bislang auf all seinen Stationen. Und so wird es vermutlich auch immer bleiben.

Bierhoff-/Löw-Kritiker beklagen, dass das Duo zu viel Macht besäße. Rangnicks Machtstreben dürfte noch ausgeprägter sein. Erfolgreich war Rangnick vor allem dort, wo er das komplette Sagen hatte – in Hoffenheim, Salzburg und Leipzig. Traditionsvereine wie Schalke, VfB Stuttgart und Hannover 96 legten ihm zu viele Knüppel in den Weg. Rangnick würde den Job des Bundestrainers sicherlich nicht in der Weise ausüben, wie es Rudi Völler tat oder Stefan Kuntz tun würde. Eher schon wie Jürgen Klinsmann. Frank Hellmann:Rangnick pflegt an neuen Wirkungsstätten gerne jene Revolution anzuzetteln, mit der einst Jürgen Klinsmann 2004 den verstaubten DFB für die Heim-WM 2006 komplett auf links zu drehen versuchte. Rangnick ist besessen von Verbesserungen, aber er braucht die volle Macht.“

Der Fan der Nationalmannschaft pflegt auf den Fußball häufig eine eher schlichte Sicht. Er regt sich über fehlende Körpersprache, zu viel Taktik, Schönspieler, die Özils, einen Mangel an Vaterlandsliebe, zu hohe Gehälter und arrogante Profis auf. Und wünscht sich ein Zurück in die alten Zeiten, als die Mannschaft noch nicht „Die Mannschaft“ war und das Spiel erdiger. Er hält auch nichts von „Fußball-Professoren“. Mit Rangnick, der, in unterschiedlichen Funktionen, acht Jahre auf der Lohnliste von RB stand und ein Repräsentant des „modernen Fußballs“ ist, wird es aber ein Zurück nicht geben. Dass Hoffenheim und RB Leipzig heute Plätze in der Bundesliga besetzen, man könnte jetzt sagen: auf Kosten von Traditionsvereinen, haben sie wesentlich dem Trainer und Projektmanager Ralf Rangnick zu verdanken.

Rangnicks Mentoren: Lobanowski …

Rangnick wurde stark von Walerij Lobanowski und Arrigo Sacchi geprägt. 1974 wurde Lobanowski Trainer von Dynamo Kiew. Anfang der 1970er hatte er beim FC Bayern und Borussia Mönchengladbach hospitiert. In Gladbach beeindruckte ihn das Konterspiel der Weisweiler-Elf. 1975 gewann Dynamo Kiew als erstes sowjetisches Team eine europäische Trophäe. Dynamo gewann den Europapokal mit „wissenschaftlichem Fußball“.

Lobanowski machte sich früher als seine westeuropäischen Kollegen sportwissenschaftliche Erkenntnisse und moderne Techniken der Leistungs- und Spielanalyse zunutze. Schon 1967 hatte sich der ehemalige Linksaußen Lobanowski mit dem Physiker Anatoli Zelentsow zusammengetan, um das scheinbar ungeordnete Fußballspiel nach wissenschaftlichen Kriterien zu durchleuchten. Riesige Datenbanken wurden angelegt und Archive aus Fachzeitschriften und Magazinen. Lobanowski und sein Mitarbeiterstab werteten alles aus: Schnelligkeits-, Ausdauer- und Kraftwerte, Passquoten, Zweikampfwerte am Boden und in der Luft, Torschüsse, Flanken, räumliches Verständnis, Kombinationsvermögen, Ballannahmen. Die Spieler erhielten individuelle Trainingspläne und ihre Ernährung wurde kontrolliert. Außerdem mussten sie sich regelmäßig Blutanalysen und psychologischen Tests unterziehen. Die Rehabilitation verletzter Spieler wurde in Druckkammern beschleunigt, die Höhenluft bis zu 7.000 Metern simulierten. Die Gegner wurden mit Hilfe von Daten und Videos seziert. Über allen Maßnahmen stand: Nichts, aber auch gar nichts sollte dem Zufall überlassen bleiben.

Lobanowski schaffte den Libero ab und führte eine doppelte Viererkette ein. Vor diesen spielten zwei Stürmer. Die Mittelfeldspieler hatten keine festen Gegenspieler, sondern praktizierten Raumdeckung. Lobanowskis Spieler mussten vielseitig sein. Von seinen Verteidigern erwartete er, dass sie Tore schossen. Und von seinen Stürmern, dass sie verteidigten. Weitere Elemente seiner Spielphilosophie waren Pressing und schnelles Umschalten bei Balleroberung.

Lobanowski trainierte auch die von ukrainischen Spielern dominierte Auswahl der Sowjetunion. Bei der EM 1988 besiegte die Sbornaja Italien mit 2:0. L’Equipe attestierte der Mannschaft eine „Demonstration aus der Schule des Fußballs“. Im Finale traf die UdSSR auf die Niederlande mit ihrem Coach Rinus Michels. Sbornaja und Elftal standen für den modernsten und technisch besten Fußball bei diesem Turnier. Im Duell der großen Denker und Strategen des Fußballs behielten die westliche und individualistischere Variante des „Fußball total“ mit 2:0 die Oberhand. Lobanowskis Idee vom „Systemfußball“ überlebte den folgenden Zusammenbruch des real-sozialistischen Lagers und fand gerade im Westen begeisterte Nachahmer. Was einst kritisch beäugt wurde, die Verwissenschaftlichung des Fußballs, hatte nun auch im Westen Konjunktur. Insbesondere der Italiener Arrigo Sacchi, der 1989 und 1990 mit dem AC Mailand den Europapokal der Landesmeister gewann, wurde stark von Lobanowski beeinflusst.

Lobanowski wurde vorgeworfen, er mache im Dynamo-Trainingszentrum seine Spieler zu Robotern. Das war nicht ganz falsch, aber vieles von seiner Herangehensweise an das Spiel und die Spieler zog auch in die Trainingszentren der westlichen Profivereine ein.

… und Arrigo Sacchi

Einer der größten Fußballtheoretiker der 1980er und 1990er Jahre war der Italiener Arrigo Sacchi. Der Fußballer Sacchi kickte nur auf Amateurniveau und verdiente seinen Lebensunterhalt als Schuhverkäufer. Die Rolle des bloßen Musikers mochte er nicht. Sacchi wollte Dirigent eines Orchesters sein, aber seine fußballerischen Fähigkeiten waren dafür zu mager. Um zu dirigieren, musste Sacchi Trainer werden.

Sacchi war ein Fan von Ajax und der niederländischen Nationalelf, die Anfang der 1970er mit ihrem „Fußball total“ den Weltfußball revolutionierten. Ganz „unitalienisch“ stand für ihn nicht das Ergebnis eines Spiels im Vordergrund, sondern die Art, wie dieses zustande kam. „Ein großer Trainer hat seinen eigenen Stil. Er strebt nach Qualität, nicht nach Oberflächlichem. Ich gehe nicht zum Bäcker des Bäckers wegen. Ich gehe zum Bäcker wegen der Qualität des Brots. (…) Ich bin nicht berühmt geworden durch meine Siege, sondern dadurch, wie ich sie errungen habe.“

1987 wurde Sacchi Trainer des AC Mailand. Milan war mittlerweile von Silvio Berlusconi übernommen worden. Der Medienmogul wollte nicht nur ein Team, das seine Spiele gewann. Die Rossoneri sollten auch unterhalten. Sacchi versprach einen Gegenentwurf zum langweiligen italienischen Mainstream.

Sacchi formte aus Akteuren wie den drei Niederländern Ruud Gullit, Marco van Basten und Frank Rijkaard sowie den Italienern Paolo Maldini, Roberto Donadoni, Carlo Ancelotti und Franco Baresi eine der spielstärksten Mannschaften in der Geschichte des europäischen Fußballs. Unter Sacchi gewann Milan 1989 und 1990 den Europapokal der Landesmeister und den Weltpokal. Bei Ballbesitz spielte Milan im 4-4-1-1. Der physisch imposante Stratege Rijkaard spielte auf der „Sechs“, vor ihm steuerte Ancelotti das Spiel. Van Basten bildete die Sturmspitze, dahinter operierte der Freigeist und Verbindungsmann Gullit. Wurde gepresst, verwandelte sich das 4-4-1-1 in ein 4-4-2 oder 4-3-3.

Sacchis Milan spielte einen für italienische Verhältnisse ungemein offensiven und unterhaltsamen Kombinationsfußball, mit dem er auch über Italien hinaus ein Zeichen setzte. Nachdem Milan im Europapokalfinale 1989 Steaua Bukarest mit 4:0 geschlagen hatte, es war eines der einseitigsten in der Geschichte des Wettbewerbs, schwärmte die Gazzetta dello Sport von einem Fußball „wie im Paradies“. Johan Cruyff war regelrecht konsterniert: „So etwas habe ich noch nie erlebt – weder als Spieler noch als Trainer.“

Professor Rangnick

Die deutsche Fußball-Öffentlichkeit wurde auf den ehemaligen Amateurkicker von Viktoria Backnang erstmals als Trainer des Zweitligisten SSV Ulm 1846 aufmerksam. Dabei hatte Rangnick bei den Schwimmsportlern einen holperigen Start hingelegt. Er übernahm diese als Regionalligist, implementierte dort die Viererkette und bezahlte sein innovatives Herangehen in der zweiten Hälfte der Saison 1996/97 mit 31 Gegentoren. Aber Rangnick ließ sich nicht beirren, und eine Spielzeit später stieg der SSV in die 2. Bundesliga auf. Was neu war: Rangnick beschäftige sich vor allem mit dem Spiel ohne Ball. „Wir haben unser Training so ausgerichtet, dass wir 70 Prozent gegnerischen und 30 Prozent eigenen Ballbesitz trainierten. Die Idee des Trainings bestand also darin, das Spiel gegen den Ball zu perfektionieren.“

Genau betrachtet spielte Ulm Underdog-Fußball. Rangnick: „Wir gingen davon aus, dass darin unsere einzige Chance besteht, die zweite Liga zu erhalten.“ Intelligente Taktik als Waffe der im Umgang mit dem Ball unterlegen Mannschaft.

Der Aufsteiger eroberte die Tabellenspitze, was Rangnick eine Einladung ins ZDF-Sportstudio einbrachte, wo er dem TV-Publikum mit Hilfe einer Taktiktafel seinen Fußball erklärte. Dem Magazin 11 Freunde erzählte Rangnick 2008: „Mein ZDF-Auftritt war ja inhaltlich im Grunde trivial. In Holland, Italien, Spanien, England, Frankreich, sogar der Schweiz hätte ich damals ein müdes Gähnen geerntet.“

Nicht so in Deutschland, das damals taktisch hinterm Mond war. Rangnick: „Damals gab es erst wenige Mannschaften in Deutschland, die Raumdeckung spielten: In der ersten Linie nur Gladbach – und Freiburg, mit Abstrichen, selbst Volker Finke sprach ja noch von ‚Manndeckern‘.“ Und die Nationalelf? „Wir Deutschen waren nie Vorbilder für taktische Dinge. Wir hatten ja immer große Turniererfolge – warum sollten wir etwas ändern? Außer der 72er Elf, die auf Größen wie Beckenbauer und Netzer beruhte, gab es keine stilprägende deutsche Elf.“

Rangnick firmierte fortan als „Fußballprofessor“ und trat hier die Nachfolge des emeritierten Dettmar Cramer an. Zur Habilitation reichte in Deutschland schon das Mitbringen einer Taktiktafel. Wobei die Verleihung des Professorentitels nicht nur wohlwollend gemeint war.

Der damaligen Trainerausbildung konnte Rangnick nichts abgewinnen. Rangnick: „Ich habe während meines Sportstudiums einen Trainerschein nach dem anderen gemacht. Mit 25 wurde ich Spielertrainer in Backnang und ging zum Fußballlehrer-Lehrgang – wo ich nach vier Wochen ziemlich frustriert war. Ich wollte dazulernen, aber in vielen Fächern hätte ich eigentlich der Referent sein müssen. Ich hatte an der Uni schon viel mehr gehört als beim Lehrgang vermittelt wurde“, erzählte er im 11-Freunde-Interview. Damals war der deutsche Fußball kaum bereit, über den Tellerrand der eigenen Sportart hinauszublicken. Und auch nicht über die Grenzen des eigenen Landes.

Rangnick merkte auch an, dass ein Aufstieg à la Arrigo Sacchi in Deutschland nicht denkbar gewesen wäre. Hier galten schon ehemalige Amateurspieler wie Rangnick oder Volker Finke als Quereinsteiger.

Rangnick in Hoffenheim und Leipzig

Im Sommer 2006 übernahm Ralf Rangnick die TSG Hoffenheim und führte den Klub des Mäzens Dietmar Hopp von der dritten in die erste Liga. Hoffenheims Spielphilosophie: Verschieben, nach Ballverlust aggressiv pressen, nach der Balleroberung schnell und steil in die Spitze spielen. Rangnick: „Bei Ballbesitz wollen wir Quer- und Rückpässe minimieren.“ Die Balleroberung sollte möglichst weit weg vom eigenen Tor erfolge. Dem Ballbesitzer war das Gefühl zu geben, „dass er gegen alle unsere Spieler gleichzeitig spielt“.

Rangnick setzte auf junge Spieler, die im Falle ihres Verkaufs etwas abwarfen. „Wenn ein Spieler Ablöse kostet, soll die Summe gegebenenfalls bei Weiterverkauf noch steigen. Wir wollen kein Ausbildungsverein sein, wir haben nicht die Absicht, Spieler zu verkaufen. Aber theoretisch muss die Möglichkeit bestehen, das Geld wieder reinzuholen.“

Im Juni 2012 wurde Rangnick Sportdirektor bei RB Salzburg. Zusätzlich war er für die Entwicklung des RB-Standorts Leipzig zuständig. Hier bestand seine erste Maßnahme in der Entlassung von Trainer Peter Pacult. Dessen Nachfolger wurde Alexander Zorniger, der die Mannschaft von der viertklassigen Regionalliga Nordost in die 2. Bundesliga führte. Mit Zorniger, der aus dem Projekt etwas Tempo nehmen wollte, unzufrieden, erklärte Sportdirektor Rangnick im Februar 2015, dass in der folgenden Saison der RB-Trainer Rangnick heißen würde. Zorniger trat daraufhin zurück. In der Saison 2015/16 führte Rangnick RB in die Bundesliga. Anschließend übergab er an Ralph Hasenhüttl. Nach der Saison 2017/128 wiederholte sich das Spiel: RB trennte sich von Hasenhüttl, und der Sportdirektor kürte sich erneut zum Trainer. Nur für ein Jahr, denn für die Saison 2019/20 hatte Rangnick bereits Julian Nagelsmann verpflichtet. In seiner letzten Saison als Trainer wurde Rangnick mit RB in der Bundesliga Dritter, was die direkte Qualifikation für die Champions League bedeutete. Außerdem erreichte RB das Pokalfinale, wo man dem FC Bayern unterlag.

Pressing und Gegenpressing à la Rangnick

Rangnicks RB-Teams setzten auf Gegenpressing, praktizierten dieses aber anders – man könnte auch sagen: vulgärer – als Klopp und Guardiola: Anstatt das Spiel groß und breit zu fächern, interessierte sich RB nur für Tiefe und versuchte, das Spiel auf verengtem Raum zu perfektionieren. Das RB-System wurde oft ein 4-4-2 genannt, mit der Zeit setzte sich aber die Bezeichnung 4-2-2-2 durch: zwei 6er, zwei 10er, zwei, Stürmer – keine wirklichen Außenspieler. RB versuchte Angriffe nur auf halber Spielfeldbreite durchzudrücken. Entsprechend wurden die Trainingsformen ausgewählt (extrem verengte Spielfelder, 11 gegen 11 auf Strafraumbreite, jeder zweite Ball war nach vorne zu spielen, sehr viele Steil-Klatsch-Muster, schnelles Spiel in die Tiefe etc.). Die hohe individuelle Qualität erlaubte/ermöglichte es, flach in den „Schlauch“ zu eröffnen.

Der Musterangriff gestaltete sich so: Der rechte Innenverteidiger hatte den Ball, alle offensiven Spieler befanden sich in der rechten Spielfeldhälfte. Der Innenverteidiger eröffnete auf einen der Zehner, der ließ klatschen auf den Sechser, der spielte tief auf den Neuner usw. Die Alternative war ein bewusster Chaosball, hoch in diesen Pulk an Spielern hinein. Der Vorteil einer solchen Struktur: Bei Ballverlust befanden sich extrem viele Spieler in Ballnähe und konnten sofort ins Gegenpressing gehen. Rangnick: „Wenn man den Ball erobert, ist die Chance, ein Tor zu erzielen, in den ersten zehn Sekunden am größten. Und umgekehrt. Verlierst du den Ball, ist es in den ersten fünf Sekunden am wahrscheinlichsten, ihn zurückzugewinnen.“ War das Gegenpressing erfolgreich, hatte man durch die Zwei-Stürmer-Formation sofort zwei tiefe Anspielpunkte, um den Gegenkonter zu starten. Hier kamen dann wieder die Steil-Klatsch-Muster bzw. die natürliche Tiefe in der Systematik zum Tragen. Dafür brauchte es sehr sprintstarke Spieler, gar nicht unbedingt auf längerer Strecke. Die Spieler mussten über einen guten Antritt verfügen, um die häufigen Richtungswechsel schnell durchzuführen.

Für Rangnick hing der Erfolg des Gegenpressings „extrem von der Wucht und Dynamik der Balleroberung ab, denn diese Dynamik nimmt man dann ja auch sofort und automatisch in den Gegenangriff mit“. Angesichts dieser physisch fordernden Spielweise war Fitness das oberste Gebot. Deshalb der Ansatz, den Kader möglichst jung zu halten und die Präferenz für athletische Spieler.

In Rangnicks letzter RB-Saison 2018/19 hatten die Leipziger die jüngste Startformation der Liga. Im aktuellen RB-Kader sind von 26 Feldspielern nur sechs älter als 25. Nur einer hat schon die 30 erreicht: Kevin Kampl. Dass ein Bundestrainer Rangnick auf Hummels, Boateng UND Müller setzen würde, ist deshalb eher unwahrscheinlich. Auf Hummels und Boateng vielleicht. Aber auch nur, weil die Not hier groß ist. Rangnick: „Es ist ja klar, dass wir im zentralen Abwehrbereich nicht so ein Reservoir haben, wie es etwa die Franzosen haben.“ Der Franzose Dayot Upamecano (22) gehöre zum Besten, was die Bundesliga zu liefern hat, sei aber bislang nur auf wenige Länderspiele gekommen. Rangnick: „Da kann man sich vorstellen, aus was für einem Reservoir die schöpfen können.“ Bezüglich Müller gestalte sich die Situation anders: „Auf der Position von Müller haben wir Spieler im Überfluss. Selbst wenn da welche ausfallen, haben wir genug hochbegabte Spieler. Im Abwehrbereich ist das nicht der Fall.“ Auch Spanien und England hätten hier mehr zu bieten.

Kritik am RB-Fußball

Rangnicks Fußball war nicht unumstritten. Nach der Saison 2017/18 gab Matthias Sammer zu bedenken: Leipzigs Stil sei „wichtig, aber kein Allheilmittel. (…) Wir müssen wieder die Genialität in den Fokus schieben.“ Kritisiert wurde vor allem, dass dieser Fußball bereits den Nachwuchsteams verordnet wurde. Nicht nur für Danijel Zenkovic, Co-Trainer des SV Werder Bremen, gehört eine Spielphilosophie mit Pressing und Gegenpressing in den Profibereich. Zenkovic im Interview mit dem Kicker: „Sie ist nicht die ideale Leitlinie für die Nachwuchsförderung. Ich glaube, dass diese Spielphilosophie die Spieler nicht optimal ausbildet.“ Zenkovic hatte auch mit dem Nachwuchs von Red Bull Salzburg und Ajax gearbeitet. Bei Red Bull hatte er erlebt, wie mit Ralf Rangnick die Philosophie des Gegenpressings Einzug hielt. „Mit der spielen sie natürlich auch erfolgreich, aber es ging nur noch um die Arbeit gegen den Ball. Der Ballbesitz, dieses Romantische, hat kaum noch eine Rolle gespielt.“

Konrad Laimer und Xaver Schlager, die heute bei RB Leipzig und dem VfL Wolfsburg spielen, wurden in Salzburg ausgebildet. Allerdings, sagt Zenkovic, als dort noch die niederländische Schule mit Ballbesitzfußball dominierte. Mit 17, 18 haben sie dann auch noch Pressing/Gegenpressing gelernt. Das hat sie zu super Spielern gemacht – aber sie hatten auch eine Basis.

Auch was Leipzig betrifft, hörte man, dass dort zu einseitig ausgebildet würde, weshalb es die hier ausgebildeten Spieler woanders manchmal schwer hätten. Das schon in jungen Jahren eingeübte, physisch wie psychisch extrem strapaziöse Pressing-Spiel könnte dazu führen, dass Spieler zu schnell und zu früh verbraucht werden. Außerdem sei alles zu stark durchgeplant und beinhalte auch Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte von Spielern. Es gibt aber auch andere Stimmen: RB sorge mehr für die Persönlichkeitsentwicklung als andere Vereine.

RB nach Rangnick

Unter Nagelsmann veränderte sich das Spiel der Sachsen. Nagelsmann zog das Spiel mehr in die Breite und verstärkte den Ballbesitz – auch als Antwort auf nun tiefer verteidigende Gegner. Auch entwickelte die Pressingmaschine einen bis dahin nur selten zu beobachtenden Spielwitz. Leipzig beendete die Bundesliga-Spielzeit 2019/20 als Dritter und qualifizierte sich so direkt für die Champions-League.

Vielleicht steht die häufig etwas zu platt vorgetragene Gegenüberstellung von Ballbesitz und Umschaltspiel vor ihrer Auflösung. In der Bundesliga war in der Saison 2019/20 eine derartige Tendenz nicht nur bei Julian Nagelsmann zu beobachten, sondern auch bei Gladbachs Trainer Marco Rose. 2004 war der Spieler Rose mit Mainz 05 in die 1. Bundesliga aufgestiegen. Trainer der Mainzer war Jürgen Klopp. Von 2013 bis 2017 trainierte er die B- und A-Jugend von RB Salzburg. 2017 gewann RBs U19 überraschend die UEFA Youth League. Rose übernahm anschließend die Profis. In der Saison 2018/19 gelang RB neben dem obligatorischen Gewinn von Meisterschaft und Pokal auch erstmals die Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League.

Rose bereicherte den manchmal etwas schwerfällig wirkenden Ballbesitzfußball der Borussen um laufintensives Pressing und den schnellen Tor-Abschluss. Für Roses Co-Trainer René Maric hatten sich bei beiden Teams in der grundlegenden Intention einige Details verändert. Es stelle sich die Frage, ob die Gegenüberstellung Ballbesitzfußball kontra Umschaltspiel noch zeitgemäß sei. „Im besten Fall ist man in allen Spielphasen dominant. Dass dies in einzelnen Situationen, Spielen oder Mannschaften anders priorisiert, betont oder umgesetzt wird, liegt in der Natur der Sache.“ Taktikexperte Tobias Escher schrieb über die Teams der beiden Trainer: „Ihre Teams sind Alleskönner, wie die Franzosen bei der letzten Weltmeisterschaft. Mal stören sie früh, mal ziehen sie sich zurück; mal halten sie den Ball, mal spielen sie direkt in die Spitze. Das Jahrzehnt der klar getrennten Fußballphilosophien ist vorbei. Wer heute erfolgreich sein will, muss alle Facetten des Spiels beherrschen.“

Fazit

Keiner der bisherigen Bundestrainer war schon bei seinem Amtsantritt als Trainer eine „große Nummer“. Herberger, Schön, Derwall, Vogts kamen aus dem Verband. Beckenbauer besaß als Trainer keine Erfahrung und keinen Schein, der deutsche Fußball war so tief gefallen, dass es einer Lichtgestalt bedurfte.

Nach Vogts kamen: Ribbeck/Stielicke, Völler (ohne Trainer-Erfahrung)/Skibbe, Klinsmann (ohne Trainer-Erfahrung)/Löw. Löw? Den hatten die meisten schon vergessen. Seine Vita: VfB Stuttgart (Pokalsieg), Türkei, Karlsruhe (nach nur einem Sieg in 18 Spielen entlassen), Österreich. Es sagten damals ab: u.a. Hitzfeld, Wenger, Hiddink.

Man könnte nun etwas gehässig sagen: Bundestrainer ist ein Einstiegsjob für Ex-Profis (Beckenbauer, Völler, Klinsmann, demnächst vielleicht Stefan Kuntz), für Trainer, die nicht auf der Wunschliste von Topklubs stehen, für Verbandstrainer (demnächst vielleicht Stefan Kuntz). Machen sie es gut, winkt ihnen eventuell ein Job bei einem Topklub. Von den aufgeführten traf dies nur für Beckenbauer (Marseille und die Bayern als Interimslösung) und Klinsmann (Bayern) zu, wobei Letzterer beim Rekordmeister scheiterte. Vogts war einige Monate Trainer bei Bayer Leverkusen. In eine weitere Kategorie fallen Trainer, die sich den Stress des Vereinstrainerdaseins nicht mehr antun wollen. Nationaltrainer als Karrierefinale. Für die Klopps, Tuchels, Guardiolas etc. ist das kein Angebot. Noch nicht. Erst so ab 60.

Sollte der DFB Rangnick verpflichten, dann wäre der „Fußball-Professor“ eine richtig große Nummer – jedenfalls verglichen mit seinen Vorgängern.

Einfluss- und Gestaltungsmöglichkeiten eines Bundestrainers sind sehr begrenzt. 2019 absolvierte die DFB-Elf neun Länderspiele. Da in der Regel Pakete à zwei Spiele geschnürt werden, sieht man sich nur vier- bis fünfmal im Jahr. Ein Vereinstrainer hat natürlich ganz andere Möglichkeiten. Deshalb entdeckt man bei Turnieren auch nie neue Spielphilosophien und aufregende taktische Tendenzen.

Ein Ralf Rangnick würde sich damit aber kaum zufriedengeben. Weshalb ein Bundestrainer Rangnick, wie er vom Kicker gefordert wird (wobei unklar bleibt, welche Reform er auslösen soll), eine ziemlich unterhaltsame Sache wäre.

An Fachkenntnissen und Ehrgeiz mangelt es dem Kandidaten Rangnick nun wirklich nicht. Es gibt nicht viele Leute, die so viel Ahnung vom Spiel haben wie er. Aber man muss wissen, wen man verpflichtet. Und warum. In Deutschland ist immer noch weit verbreitet, was Rangnick vor zwölf Jahren so beschrieb: „Bisher hat man Trainer bei uns selten nach Konzepten ausgesucht, nach Trainerwechseln hieß es reflexartig: Jetzt brauchen wir einen Gegenpol zum Vorgänger!“ Entsprechend fliegen auch jetzt die Namen wild durchs Netz – ohne dass genau gesagt wird, wofür diese stehen, wie der Kandidat Spielphilosophie und Taktik beeinflussen wird, ob seine diesbezüglichen Vorstellungen mit denen der Nachwuchsteams des DFB und der Akademie kompatibel sind etc.

 

 

Trainer Fußballtrainer
Erscheint im Frühjahr 2021.

Dietrich Schulze-Marmeling ist Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien „Klopps Liverpool“, im Frühjahr folgt "Trainer. Die wichtigsten Männer im Fußball". Außerdem ist er Mitherausgeber des im Verlag Die Werkstatt erschienenen "Goldenen Buchs der Fußball-Weltmeisterschaft".

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