Manchmal braucht es Jahre … | Verlag Die Werkstatt Direkt zum Inhalt
blog vom 17.04.2023

Manchmal braucht es Jahre …

Die erstaunliche Karriere unseres Buches „Eines Tages werde ich alles erzählen“

von Bernd-M. Beyer

„Die Aufseher nannten ihn ‚das jüdische Biest‘: Zur Belustigung von SS-Offizieren musste Hertzko Haft in einem Außenlager des KZ Auschwitz Boxkämpfe gegen ausgemergelte Mithäftlinge austragen. Er gewann jeden Kampf und überlebte - als gebrochener, gewalttätiger Mann.“

Hertzko Haft Alan Haft Eines Tages werde ich alles erzählen
Das Buch über das Leben von Hertzko Haft
erschien 2009 im Verlag Die Werkstatt.

So beginnt ein Bericht bei Spiegel-online über die außergewöhnliche Biografie des jüdischen Boxers Hertzko Haft. Der Bericht basiert auf einem Buch, das 2009 im Verlag Die Werkstatt erschienen war und den Titel trug: „Eines Tages werde ich alles erzählen“. Verfasst hatte es Alan Haft, der Sohn des Boxers, der die Lebensgeschichte seines Vaters erst spät erfahren hatte.

Die Resonanz auf das Buch war groß. Im Deutschlandfunk hieß es beispielsweise: „Es ist ein schnörkelloser Stil, in dem sein Sohn die Lebensbeichte seines Vaters niederschreibt, ein halbes Jahr vor Hertzkos Tod – eine lakonische Faktizität, die sich nicht mit Moral, noch mit Tabus aufhält, dazu war in dem Kampf ums Überleben des jüdischen Boxers Hertzko Haft wohl keine Zeit. Ein faszinierender Bericht, den der Verlag Die Werkstatt, da ausgegraben hat.“

Es ist ein Beispiel dafür, welch großes Echo ein Buch hervorrufen kann – auch dann, wenn es sich zwar ordentlich verkauft hat, aber kein Bestseller geworden ist. Ähnlich wie der „Spiegel“ nahmen auch andere Medien das Erscheinen des Buches zum Anlass, über Hafts außergewöhnliches Leben zu berichten. Mehr noch: Drei Jahre später veröffentlichte der renommierte Zeichner Reinhard Kleist die Graphic Novel „Der Boxer“, die auf unserem Buch basierte. Sie erschien zunächst als Serie in der „FAZ“, danach als Buch, das ebenfalls starke Würdigungen erlebte. So meinte der NDR: „Der so verstörende wie glänzend gezeichnete Comic ‚Der Boxer‘ erzählt von kaum beachteten Schicksalen des Holocausts, wie todgeweihte Sportler zum sadistischen Zeitvertreib missbraucht wurden und welche Spuren das in ihrem Leben hinterließ. Kleist würdigt damit die Lebensgeschichte des Hertzko Haft - ein Meisterwerk.“

Schließlich interessierte sich Hollywood für die verstörende Lebensgeschichte. Alan Haft, der über die Rechte verfügte, ließ sich Zeit für die Entscheidung, wem er die Realisierung des Filmprojekts anvertrauen könnte. Zwischenzeitlich landete das Drehbuch sogar auf der „Black List“ der besten unverfilmten Ideen Hollywoods.  Schließlich entschied sich Alan Haft für den Regisseur Barry Levinson, der u.a. „Sleepers“ gedreht und für „Rain Man“ den Regie-Oscar gewonnen hatte. Die Musik zu dem Film schrieb der zweifache Oscar-Preisträger Hans Zimmer; die Hauptrolle des Hertzko Haft übernahm Hollywood-Star Ben Foster, und auch die Nebenrollen wurden prominent besetzt, u.a. mit Billy Magnussen und Danny DeVito.

Hertzko Haft The Survivor
"The Survivor", der Film
über die
Lebensgeschichte
von Hertzko Haft.

2021 kam der Film unter dem Titel „The Survivor“ in die US-Kinos, 2022 auch nach Deutschland. Die außergewöhnlich positiven Kritiken (85% bei Rotten Tomatoes) hoben vor allem die Leistung von Ben Foster hervor, der an den jungen Robert De Niro erinnere. „Einzigartig“ nannte die „Frankfurter Rundschau“ den Film mit „seinen beklemmend realistischen Szenen“.

Kürzlich wurde der Film auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt: zu Ostern bei „Sky“. Es ist zu erwarten, dass er demnächst auch im Free-TV zu sehen sein wird.

Alan Hafts Wunsch ist es, dass die Geschichte seines Vaters „möglichst bekannt wird in der Welt“. Das ist ihm gelungen. Manchmal dauert es halt Jahre, bis ein Buch seinen Weg geht und das verdiente große Echo findet.

 

Bernd Beyer, Jahrgang 1950, arbeitete zunächst als Tageszeitungsredakteur, danach studierte er Politik und Volkswirtschaft. Von 1981 bis 2015 war er als verantwortlicher Lektor im Verlag Die Werkstatt mit Schwerpunkt Fußballgeschichte tätig. Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. Seine Bücher "71/72. Die Saison der Träume" und "Helmut Schön. Eine Biografie" wurden als Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet.

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