#BoycottQatar2022 – nicht immer einfach, aber erfolgreich | Verlag Die Werkstatt Direkt zum Inhalt
blog vom 18.11.2022

#BoycottQatar2022 – nicht immer einfach, aber erfolgreich

Dietrich Schulze-Marmeling über die Boykott-Bewegung, Doppelmoral-, Rassismus- oder Eurozentrismus-Vorwürfe gegen die Forderung eines Boykotts – und den lästigen Whataboutism in dieser Debatte.

Die Dramaturgie ist immer die gleiche: FIFA oder IOC vergeben ein großes Event – eine WM oder Olympische Spiele – an ein problematisches Land. Kommt anschließend Kritik auf, heißt es seitens der Befürworter der Vergabe: „Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, für einen Boykott ist es nun zu spät.“ Als ob diese Menschen jemals ernsthaft über dieses Druckmittel nachgedacht hätten.

Nun wird eine neue Erzählung aufgemacht: „Wir können durch die WM die Situation im Land nachhaltig verbessern!“ Das hat schon bei den Olympischen Sommer- und Winterspielen in Peking 2008 und 2022 nicht funktioniert. Auch nicht 2014 in Sotschi – einige Wochen später hat Russland die Krim überfallen. Und es hat auch nicht bei der Fußball-WM 2018 in Russland geklappt, wo die Repression schon im Vorfeld der WM verschärft wurde.

Katar hat sich für dieses Turnier nicht beworben, um mittels des Fußballs den Absolutismus abzuschaffen, die Rechte der Arbeitsmigrant:innen zu verbessern, die repressiven Anti-LGBTQ+-Gesetze zu streichen. Und die FIFA hat das Turnier nicht in dieser Absicht vergeben. Das damalige Exekutivkomitee hatte mit Demokratie und Menschenrechten nichts am Hut. Die FIFA war und ist kein Institut zur Verbreitung und Förderung der Demokratie, bei dem Autokraten und Diktatoren um Beistand bei der Demokratisierung ihrer Länder bitten.

In so ziemlich jedem deutschen Kommunalparlament wäre die Entscheidung dieses hochgradig kriminellen Gremiums, deren korruptes Zustandekommen schon wenige Monate nach der Vergabe offensichtlich war, annulliert worden. Es hätte Neuwahlen gegeben und einen neuen Vergabeprozess.

Umso erstaunlicher, wie in den letzten Jahren auch einige als kritisch bekannte Geister bereit waren, einen Schlussstrich zu ziehen – „vergessen und vergeben, nun lasst uns auf die Spiele freuen!“ Die Entscheidung pro Katar war schlichtweg illegal.

Boykott Katar WM 2022

 

 

Dietrich Schulze-Marmeling gehört zu den profiliertesten und produktivsten Fußballautoren- und historikern in Deutschland. Sein neuestes Werk "1990. Eine WM, die alles veränderte" ist gerade erschienen. In "Boykottiert Katar 2022!" fasst er zusammen mit Bernd-M. Beyer die Katar-Kontroverse kompakt zusammen und beleuchtet auch bis dato weniger bekannte Aspekte.

 

Whataboutism kontra Boykott

Den Befürwortern eines Boykotts wurde vielfach mit Whataboutism begegnet, wohl gedacht als Einladung zur politischen Passivität. Wer gegen die WM in Katar sei, müsse sich auch gegen den Rest des Kommerzfußballs erheben, alles hänge alles mit allem zusammen. (Wer will das bestreiten? Schon Fußballprofessor Dettmar Cramer kam zu dieser Erkenntnis: „Es hängt alles irgendwo zusammen: Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge!)“ Menschenrechtsverletzungen gäbe es auch im eigenen Land usw. 

Der Whataboutism hat seit der Corona-Pandemie Hochkonjunktur. „Der Whataboutist spielt Jesus und ernennt seine Kritiker zu Pharisäern. (…) Nicht nur in Politdebatten und Talkshows erlebt der Whataboutism sein Comeback. Mittlerweile ist er auch im Internet nerviger Alltag. Wenn Whatabouisten Missstände nur noch mit anderen Missständen beantworten, bis Fakten und Meinungen durcheinander schwirren, bleibt am Ende nichts Gutes und die ganze Welt wirkt schlecht“ (Deutschlandfunk). Whataboutism soll den Gegenüber neutralisieren und zur Tatenlosigkeit verdammen.

Katar-Lobbyist Sigmar Gabriel (er sitzt für Katar im Aufsichtsrat der Deutschen Bank) wies darauf hin, dass Homosexualität in Deutschland bis 1994 strafbar gewesen sei und auch in Deutschland Arbeitsmigrant:innen lange Zeit schlecht behandelt wurden. Letzteres gilt auch noch heute – siehe Fleischindustrie. Allerdings mussten Homosexuelle keine Angst vor Peitschenhieben haben, und Arbeitsmigrant:innen sind nicht massenhaft gestorben. Gabriels Vergleich hinkt aber noch aus einem anderen Grund. In der Bundesrepublik gab und gibt es (noch) einen Rahmen, innerhalb dessen wir relativ gefahrlos für Veränderungen eintreten können. Beim Sozialdemokraten Gabriel scheint der „Machtwechsel“ von 1969 in Vergessenheit geraten zu sein, als – nach freien Wahlen – eine sozialliberale Koalition an die Regierung kam, die einen Liberalisierungsprozess startete.

Und was bedeuten Gabriels Aussagen für die Menschen in autokratisch oder diktatorisch regierten Ländern, die in den Genuss unserer (angeblich nicht universellen, sondern lediglich exklusiv-westlichen) Rechte und Freiheiten kommen möchten? Vielleich dies: Wir können ja verstehen, dass euch nach Freiheit dürstet, nach den gleichen Rechten und Freiheiten, derer wir uns erfreuen. Aber das geht nicht so einfach! Vergesst nicht, wo ihr herkommt, wo ihr lebt! Geduld, Geduld! Das wäre hochgradig arrogant und eurozentristisch.

Relativierung von Demokratie und Menschenrechten

Die Kritik an der Forderung nach einem Boykott des Turniers mündete manchmal in einer Relativierung der Bedeutung von demokratischen Grundrechten und der universalen Gültigkeit von Menschrechten. Natürlich ist es nicht nur sympathisch, sondern auch richtig und notwendig, auf Missstände in diesem Land hinzuweisen. Die Aktivisten von #BoycottQatar2022 kommen aus der kritischen Fanszene und engagieren sich seit Jahren hierzulande gegen Rassismus, Homophobie, Sexismus und alle Formen der Repression.

Wir leben in einer Welt, in der die Autokratien und Diktaturen nicht verschwunden sind und die Herausforderung durch „hybride Systeme“ stetig wächst. Gerade was letztere anbelangt: Wenn wir die Bedeutung der hier (noch) existierenden Werte, Rechte und Freiheiten dadurch relativieren, dass suggeriert wird: „So groß ist der Unterschied zwischen den Verhältnissen hier und Katar doch gar nicht …“, wenn wir die Unterschiede verwischen, kann das gefährliche Folgen haben. Wer die Bedeutung dieser Rechte ignoriert, wird kaum dazu in der Lage sein, sie zu verteidigen.

Doppelmoral?

Mit dem Whataboutism verbunden ist der Vorwurf der Doppelmoral: Wir kritisieren Katar, beziehen aber gleichzeitig unser Gas aus dem Emirat. Erstens war das nicht meine Entscheidung – ich war schon ein Befürworter des Ausbaues einer alternativen Energieversorgung, als CDU und Co. sich noch über Wind- und Sonnenenergie lustig machten. Zweitens: Ja, ich habe eine Gasheizung. Warum? Weil die politischen Kräfteverhältnisse leider noch dergestalt sind, dass unsere Energieversorgung in einem hohen Maße von fossilen Brennstoffen abhängt. Darf ich deshalb nicht die Verletzungen von Menschenrechten in Katar kritisieren? Darf ich das erst dann, wenn Photovoltaikanlage und Wärmepumpe installiert sind?

Bundesliga Hertha Boykott WM
Am letzten Bundesliga-Spieltag vor der WM-Pause wird in vielen Stadien gegen die Weltmeisterschaft
in Katar protestiert. Hier im Bild die Hertha-Kurve. (Foto: IMAGO / Jan Huebner)

Eurozentrismus?

#BoycottQatar2022 musste sich wiederholt mit dem Vorwurf des Eurozentrismus auseinandersetzen. Das Problem mit diesem Vorwurf ist heute: Er wird zu häufig von Menschen strapaziert, für die die Menschenrechte mitnichten universal und unteilbar sind, die Autokraten und Diktatoren außerhalb Europas diesbezüglich aus der Schusslinie nehmen möchten, damit die Geschäfte mit ihnen keinen Schaden erleiden. Der Vorwurf des Eurozentrismus hat aktuell auch und gerade beim katarischen Regime und seinen europäischen Lobbyisten Konjunktur – er soll die Kritik an den Verhältnissen im Emirat delegitimieren.

Befürworter eines Boykotts bekamen auch zu hören, sie müssten auf die „kulturelle und politische Rückständigkeit“ des arabischen Raumes Rücksicht nehmen. Und: „Wir dürfen die Situation dort nicht an unseren westlichen Werten messen!“

Das Adjektiv „westlich“ wirkt in diesem Kontext denunziatorisch – und das ist wohl auch beabsichtigt. Das Recht auf geschlechtliche Gleichberechtigung – nur eine westliche Marotte? Ganz abgesehen davon, dass auch im „Westen“ sehr unterschiedliche Vorstellungen davon existieren, was die „wahren Werte“ sind – siehe Polen, Ungarn, die trumpistische Hälfte der USA usw. Wir denunzieren Werte als „westlich“, die wir gleichzeitig in Europa gegen Rechtspopulisten und Rechtsextremisten verteidigen.

Um welche Werte geht es? Welche Verstöße gegen „unsere Werte“ sollen wir mit Rücksicht auf das Regime in Katar nicht so eng sehen? Und auf welche Menschen im arabischen Raum beziehen wir uns? Wir sind nicht die Anwälte der Herrschenden in Katar, die um Verständnis dafür werben, dass unsere Klienten in Sachen Menschenrechte und Demokratie „etwas“ unwillig und langsam sind.

Ja, es gibt auch eine eurozentristisch begründete Ablehnung der WM in Katar, wenn beispielsweise das Hauptproblem des Turniers in der Jahreszeit besteht. Auch mit der Kritik am Alkoholverbot kann ich nicht viel anfangen. Aber so, wie die Debatte über eine angeblich eurozentristische Ausrichtung der Boykott-Kampagne geführt wird, höhlt sie den Begriff inhaltlich aus, macht ihn unbrauchbar. Im Vorfeld der WM 2010 in Südafrika empfand ich als eurozentristisch, wenn behauptet wurde, der Kontinent sei noch nicht reif für das Turnier. Zur WM gab es viele Veranstaltungen, auf denen es u.a.um die Globalisierung des Spiels, FIFAcrazy, d.h. den Eingriff des Weltverbands in die Souveränität des Austragungslandes, die Ausbeutung des afrikanischen Talentereservoirs durch europäische Großklubs usw. ging.

Handelt es sich wirklich um Eurozentrismus, wenn wir für Länder wie Katar die gleichen Grundrechte einklagen, deren wir uns in der Bundesrepublik erfreuen? Freie Wahlen, das Recht auf gewerkschaftliche Organisation, Gleichberechtigung, Schutz vor Diskriminierung, Religionsfreit, Schutz vor körperlicher Unversehrtheit usw.

In einem Kommentar für die „Frankfurter Rundschau“ zu den Protesten im Iran zitiert Annette Kahane eine iranische Gesprächspartnerin. Diese sagte ihr, „sie sei es leid, als tapfer tituliert zu werden. Das klänge so niedlich. Die Frauen im Iran, Kurdistan, in der gesamten Region verdienten solche Worte der Herablassung nicht. Emanzipation, Demokratie und Freiheit seien keine romantischen westlichen oder eurozentrischen Werte, sondern das, was die Menschen im Iran brauchen. Ganz genauso wie die Menschen in den liberalen Demokratien des Westens.“

Autokraten auf dem Sofa

Währenddessen benimmt sich das katarische Regime wie ein Kleinkind auf dem Spielplatz, wenn es darüber klagt, dass es in anderen Ländern doch noch schlimmer zugehen würde, dass Russland 2018 nicht so vehement kritisiert wurde etc. Ein Regime, das Arbeitsmigrant:innen brutal ausbeutet und Frauen sowie der LGBTQ+-Community die elementarsten Grundrechte verweigert, fühlt sich nicht fair behandelt. Ganz unangenehm: Von Moskau bis Doha – in den letzten Jahren ist es zur Mode geworden, sich in Autokraten „einzufühlen“. Sie müssten ihr Gesicht wahren dürfen, sie dürfen nicht gedemütigt werden. Bei zu viel Kritik aus Europa drohe die Gefahr von Rückschlägen beim Reformprozess. Auf einer Veranstaltung in Oldenburg warnte Sylvia Schenk, Sportbeauftragte von Transparency International, zu viel Druck in Sachen LGBTQ+-Rechte könnte zu einer verschärften Repression gegen queere Menschen führen. Sorry, aber seit wann regiert #BoycottQatar2022“ im Emirat? Das ist ein Ansatz, der zutiefst unpolitisch ist, der ignoriert, dass es um Herrschaftsverhältnisse geht. Autokraten sind keine Menschen, die nur einfach nicht wissen, wie Demokratie geht, die – bedingt durch Geografie und Sozialisation – etwas rückständig sind, die lediglich einer pädagogischen Betreuung bedürfen.

Rassismus

Zum Abschluss zum Rassismus-Vorwurf, strapaziert von einem Regime, das über einer zutiefst rassistischen Kastengesellschaft thront. Nicht das Regime ist Opfer von Rassismus, auch nicht die ca. 350.000 alimentierten Staatsbürger:innen. Opfer von Rassismus sind die über zwei Millionen Arbeitsmigrant:innen.

Häufig bekommen wir zu hören, dass es den aus Nepal stammenden Migrant:innen daheim schlechter ergehen würde als in Katar. Dass sie und ihre Familien auf den Job auf der Baustelle angewiesen seien. Wir müssten deshalb bei der Situation in den Herkunftsländern ansetzen. Alles richtig, aber was heißt das? Doch nur, dass Katar das Elend dieser Menschen gnadenlos ausbeutet. Ein Staat, der in England und Frankreich Luxusimmobilien im Wert von insgesamt 18,5 Mrd. Euro besitzt, ist nicht dazu in der Lage, den Arbeiter:innen vernünftige Unterkünfte zu bauen?

Interessant, wo der Vorwurf des Rassismus seinen Ursprung nahm. 2013 beauftragte das Emirat die US-Sicherheitsagentur Global Risk Advisors mit der Ausspionierung und Denunzierung der Kritiker einer WM in Katar. In einem Papier nennt die Agentur als Ziel ihrer Operation die „totale Penetration“ des Diskurses über Katar. Laut „Spiegel“ war zuvor war schon die angloamerikanische PR-Agentur Brown Lloyd James am Werke. Ein Chef schlug Turnierdirektor Nasser Al-Khater vor, den Sportsoziologen Gunter Gebauer „unerbittlich zu diskreditieren“. Dafür solle man deutsche Journalisten und Blogger rekrutieren, die seine Äußerungen als islamfeindlich und rassistisch hinstellen. Das sei etwas, „auf das die Deutschen SEHR empfindlich reagieren.“

Ein erstes Resümee

Erst als die Boykott-Forderung im Raum stand, gewann die Diskussion über die WM in Katar an Fahrt und Schwung. Diese Forderung zwang zu aktiver Aufklärungsarbeit und war mit Sonntagsreden nicht vereinbar. Sie führte zu einer lebhaften und breiten Diskussion über den Zusammenhang von Menschenrechten und Fußball, über Werte und Haltung in diesem Spiel, über den richtigen Umgang mit dem Vormarsch autokratischer und diktatorischer Regime, um die FIFA und die Entwicklung des Weltfußballs allgemein. Landauf und landab fanden und finden zahlreiche Veranstaltungen statt, bei denen es nie nur um die Zustände im Austragungsland Katar geht.

Ohne die „provokative“ Boykott-Forderung hätte sich die hiesige Diskussion über die WM in landeskundlichen Betrachtungen und einigen klugen Aufsätzen erschöpft.

An den letzten drei Spieltagen vor der WM-Pause gab es kaum ein Stadion im hiesigen Profifußball, in dem nicht gegen die WM und ihre Macher demonstriert wurde. Vorausgegangen war ein entsprechender Aufruf von #BoycottQatar2022, aber zumindest an einigen Orten wurden die oft sehr aufwändigen Aktionen wohl schon früher und unabhängig von uns geplant. Unterm Strich stand die wohl größte Kundgebung pro Menschenrechte, die der deutsche Fußball jemals gesehen hat.

Und nach dem Start der WM wird es weitergehen.

 

Mehr zu #BoycottQatar2022 und eine Infobroschüre findet ihr hier: Boykott der WM 2022 in Katar | boycott-qatar

boykottqatar2022

Kategorie