» Neuigkeiten Interview mit René Köber, Autor des Vereinslexikons des Weltfußballs

Neuigkeiten Interview mit René Köber, Autor des Vereinslexikons des Weltfußballs

Interview mit René Köber, Autor des Vereinslexikons des Weltfußballs

Im Herbst erscheint das dreibändige Vereinslexikon des Weltfußballs mit insgesamt 1.344 Seiten, 15.000 Vereinen und über 19.000 farbigen Wappen (bis zum 1. September 2019 noch bestellbar zum Subskriptionspreis von 149,90 Euro statt 199,90 Euro, weitere Infos und Bestellmöglichkeiten HIER). Wir sprachen mit Autor René Köber über das Wahnsinnsprojekt:

Hallo René, du bist der Autor des leicht wahnwitzigen dreibändigen Vereinslexikons des Weltfußballs, in dem über 15.000 Vereine aus 6.000 Städten und 228 Verbänden enthalten sind. Wie kommt man auf so eine Idee?
René Köber: Die Idee dazu hatte ich schon in den 1980er Jahren, allerdings fehlten damals noch die heutigen Möglichkeiten. In der DDR erschien damals das "Fußball Lexikon" von Bernd Rohr und Günter Simon. Das fand ich ganz toll. Allerdings waren darin halt nur die allerwichtigsten Vereine enthalten. Als Anfang der 1990er Jahre dann die "Enzyklopädie der europäischen Fußballvereine" von Hardy Grüne erschien, war ich davon noch mehr begeistert. In der ersten Ausgabe waren allerdings noch keine Vereinswappen enthalten, in der zweiten waren sie dann "nur" in Schwarzweiß. Und da ja nicht nur in Europa Fußball gespielt wird, war ich außerdem der Meinung, es wird Zeit, auch die anderen Kontinente gebührend zu würdigen.

Um so eine Datenmenge zusammenzutragen und sie dann passend zusammenzustellen, muss man einerseits eine gewisse Akribie und Entschlossenheit aufweisen, um die reinen Fakten zu eruieren. Andererseits braucht es aber auch ein größeres Verständnis, um die gewonnenen Daten zu verstehen und einordnen zu können. Dass du dich für Fußball interessierst, setzen wir bei dieser Arbeit mal voraus. Was hat dich darüber hinaus noch an der Recherche interessiert?
R. K.: Schon von klein auf war ich sehr an Geografie und Geschichte interessiert. Mein Berufswunsch war ursprünglich Kartograph. Ich hatte die einzige Lehrstelle in Leipzig auch schon quasi in der Tasche, als sie mir im letzten Moment von einem wegen eines Handicaps geförderten Mitschüler noch weggeschnappt wurde. Der hatte sich bis dahin übrigens noch nie für Geografie interessiert …
Ich hatte dann noch die Möglichkeit, bei der NVA (Armee) als Kartograph anzufangen. Dazu hätte ich mich allerdings für zehn Jahre verpflichten müssen. Das kam für mich nicht in Frage. So ging mein beruflicher Werdegang in eine völlig andere Richtung (Elektromaschinenbauer), und die Geografie blieb mein Hobby. Gepaart mit meinem Geschichtsinteresse und der Fußballbesessenheit musste das alles irgendwie zwangsläufig zu einem Werk wie diesem führen.

Wie sieht es denn mit deiner eigenen Fußballvergangenheit aus? Hast du mal gespielt? Und bist du aktiver Fan eines Vereins? Womöglich Groundhopper, der schon ein paarmal um die Welt gereist ist?
R. K.: Von meinem 13. bis zum 30. Lebensjahr habe ich selbst Fußball gespielt. Über die Kreisklasse bin ich aber nie hinausgekommen. Meinen Verein (Motor Stahmeln, später DREMA Stahmeln) gibt es heute leider nicht mehr.
Seit über 50 Jahren bin ich Fan des 1. FC Lok Leipzig, gehe aber hin und wieder auch zu RBL und feure da dann auch nicht unbedingt den Gegner an …
Groundhopper bin ich nicht. In mehr als 20 internationalen Stadien war ich bestimmt noch nicht.

Erzähl uns mal ein bisschen von deiner Arbeit. Wann hast du mit dem Datensammeln angefangen, und wie war das damals technisch? Hast du noch mit Schreibmaschine begonnen, oder gab es schon Computer? Und inwieweit hat die Fortentwicklung des Computers und vor allem des Internets deine Arbeit verändert?
R. K.: Angefangen hat alles Mitte der 1970er Jahre. Damals habe ich mir Karteikarten von allen Vereinen erstellt, über die ich Informationen fand. Meist in der "FuWo" (Fußballwoche) und Zeitschriften aus Polen oder der Tschechoslowakei. Die Karteikarten habe ich mit ausgeschnittenen Wappen versehen oder auch mal selbst eins gemalt. Mit dem Kauf meines ersten Computers Mitte der 1990er Jahre wurde dann alles einfacher, und es reifte der Entschluss, mein eigenes Lexikon zu erstellen.
Zu Beginn habe ich die Wappen noch mühselig aus Zeitschriften oder Büchern eingescannt. Durch die rasante Entwicklung des Internets war das dann irgendwann nicht mehr nötig. Ständig erschienen neue Webseiten mit Informationen und großen Wappensammlungen. Hervorheben möchte ich unbedingt die Seiten rsssf.com und weltfussballarchiv.com. Erstere mit einer unglaublichen Sammlung von Fußballdaten (z.B. Tabellen aller Länder bis in die untersten Ligen). Die zweite mit der wohl größten Wappensammlung weltweit. Die beiden Seiten habe ich in den letzten Jahren sicher am meisten genutzt.

Ungefähr 19.000 Wappen sind in den drei Bänden enthalten. Wie behältst du da den Überblick?
R. K.: Den habe ich schon vor Jahren verloren (lacht). Es existieren bestimmt noch Logo-Ordner auf irgendwelchen uralten Disketten, die auf dem Dachboden lagern, von denen ich keine Ahnung mehr habe.

Du hast zu jedem Verein sehr detaillierte Angaben über Gründung, Stadion, Fusionen und Umbenennungen. Das alleine ist schon eine Heidenarbeit, aber wie sieht das denn mit verschiedenen Sprachen aus? Wie bekommt man Informationen über den Werdegang eines Klubs beispielsweise aus Nepal, wo keine lateinischen Schriftzeichen verwendet werden?
R. K.: Beim Beispiel Nepal war nicht unbedingt die Sprache das Problem. Dafür gibt es ja Übersetzungsprogramme bzw. bieten die meisten Internetseiten auch die englische Version an. Aber Nepal hat eine andere Zeitrechnung. Die schreiben jetzt schon das Jahr 2075!

Grundsätzlich sind in dem Buch sämtliche Erstligisten aller der FIFA angeschlossenen 228 Verbände aufgeführt. Bei einigen Ländern hast du aber noch weit tiefer gegraben und präsentierst deutlich mehr als nur die Erstligisten. Welche Länder sind das, und warum hast du dich da entschieden, mehr zu zeigen?
R. K.: Die wichtigsten europäischen Fußball-Länder (Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich) sind auch mit all ihren Zweitligisten vertreten. England sogar bis zur vierten Liga. Warum? Einfach als Reverenz an diese Vereine. Ein englischer Viertligist ist ja irgendwie “wichtiger” als ein Verein aus der ersten Liga von Gibraltar.
Bei Brasilien stellte sich die Frage, ob ich wirklich nur die Erstligisten aufführen sollte. Denn dort gibt es ja erst seit 1971 eine landesweite Spielklasse. Also habe ich zusätzlich die Teilnehmer der einzelnen Staatsligen erfasst.

Wie aktualisierst du deine Informationen? Es gibt ja ständig Auf- und Absteiger, neue Meister, Pokalsieger. Und wie erfährst du von Veränderungen bei den Klubs, neuen Wappen, einer Fusion etc.?
R. K.: Das mache ich alles noch old school, also analog. Das heißt, ich mache Papierlisten mit allen Ländern. Da halte ich das (meist ungefähre) Datum des jeweiligen Saisonendes sowie das Datum des Pokalfinals fest. Zum entsprechenden Zeitpunkt trage ich anhand der Tabellen von rsssf.com die Meister, Pokalsieger, Auf- und Absteiger nach und hake das jeweilige Land ab.
Zu Beginn der neuen Saison wird noch mal mit der Vorjahrestabelle verglichen. Es kommt schließlich oft vor, dass Aufsteiger zurückziehen oder fusionieren und somit sportliche Absteiger doch im Oberhaus bleiben.
Neue Logos sind oft Zufall, da ich nicht rund um die Uhr die relevanten Websites besuchen kann.

Vermutlich geht ja eine Menge Zeit für die Recherche etc. drauf. Bleibt da noch genügend Zeit für andere Dinge abseits des Fußballs?
R. K.: Ich bin verheiratet, habe eine Tochter, die gerade ein Haus baut, und einen Hund. Mindestens dafür muss also noch Zeit sein.
Außerdem arbeite ich im Schichtsystem und habe das Lexikon insofern tatsächlich in meiner knapp bemessenen Freizeit erarbeitet. An dieser Stelle gleich noch mal ein Dank an meine Frau – das hätten nicht viel andere mitgemacht. Wenn ich auch noch Groundhopper wäre, wäre ich wohl längst ein geschiedener Mann. (lacht)

Danke dir für deine Zeit und vor allem deine wahnsinnige Akribie, von der wir nun alle profitieren können.